Als Münchner kriegt man es ja meistens nicht so mit, wenn “Zuagroaste” in München und Umgebung ob ihrer Herkunft aufgezogen oder gar ernsthaft diskriminiert werden (ich spreche jetzt mal nur von der “innerdeutschen” Diskriminierung). Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, daß zumindest in der bayerischen Hauptstadt eine entspannte, eben urbane Atmosphäre herrscht, in der man nicht unbedingt seit Generationen einheimisch sein muß, um sich wohl und willkommen fühlen zu dürfen.
Hier in Südniedersachsen hingegen, in Göttingen, der Hauptstadt der Linken und Alternativen (oder derer, die sich dafür halten), wo jeder Club und jedes Cafe explizit Wert darauf legt, daß Rassismus und Sexismus nicht geduldet werden, muß ich mir immer wieder einfach nur saudumme Kommentare über meine Herkunft anhören. Jaja, man kann das einfach ignorieren, tu ich üblicherweise auch, und muß es nicht ernst nehmen, tu ich meistens auch nicht: aber es nervt auf Dauer einfach. Ich denke an die latent bis explizit gesinnungsterroristische Ex-Mitbewohnerin eines Freundes von mir, die im dritten Satz unserer Konversation, als ich gerade erwähnt hatte, daß ich aus München komme, meinte: “Aus München! Na wenn ich das gewußt hätte…” Mein Kollege und ich darauf gleichzeitig, weil einfach überhaupt nicht klar war, was sie meinte: “Dann was?” Sie lachte als Antwort nur unsicher und abwesend und ging nicht weiter darauf ein. Oder neulich jemand beim Bier an einem an sich schönen Sommerabend in der Stadt: “Aus München kommst du? Na, da bist ja fast schon ein Schluchtenscheißer. Überhaupt München. War schon mal da. So eine versnobte Scheißstadt.” (Ich glaube, das hat er wirklich wörtlich so gesagt.) Ich hab’s einfach nur ignoriert, so gut wie möglich - aber eigentlich hätte ich ihn fragen sollen, ob er aus Göttingen kommt und was er meint, sich darauf einbilden zu können. Oder ihm einfach gleich eine reinhauen. Oder gerade erst letzten Samstag, sogar auf einer Veranstaltung des Literarischen Zentrums (!): “Bayern sind ja eh alle Faschisten.” Tut mir leid. Irgendwie kann ich langsam nicht mehr drüber lachen. Haltet einfach mal die Fresse, wenn Ihr schon keine Ahnung habt.
Die New York Times weiß da wie üblich mehr, obwohl sie ein ganzes Stück weiter weg von München sitzt. Letztes Jahr erschien dort im Reiseteil ein wunderbarer Artikel über München, insbesondere übers Gärtnerplatzviertel und das zugehörige Nachtleben. Sehr charmant und sehr korrekt. Danke, NYT! Nehmt das, Göttinger! (”Don’t like my origin? Call 1-800-EAT-SHIT!”)
Aber was reg ich mich auf. Es gibt ja bekanntlich nichts Neues unter der Sonne, und auch meinen Frust über manche Aspekte meiner momentanen Wahlheimat (keineswegs alle, keine Sorge) haben andere, berufenere Münder schon längst vorweggenommen. In diesem Fall Heinrich Heine, von dem ich so frei bin, den ersten Absatz seiner “Harzreise” hier mal ganz kommentarlos, aber mit breitem Grinsen zu zitieren. Wie wenig sich so manches ändert in bald zwei Jahrhunderten… Mit freundlichen Grüßen.
Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt “die Leine”, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon stammten all die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer usw., die noch heutzutage in Göttingen, hordenweis, und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Walstätten der Rasenmühle, des Ritschenkrugs und Bovdens sich ewig untereinander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche Haupthähne heißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Comment heißt und in den legibus barbarorum eine Stelle verdient, regiert werden.
Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläufig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.
(zitiert nach: Heinrich Heine, Die Harzreise (1824), http://gutenberg.spiegel.de)