Arschlöcher
Acht von zehn, sagte Lemmy kürzlich in seinem großartigen Interview mit der Süddeutschen. An guten Tagen. Acht von zehn Leuten, die einem begegnen: Arschlöcher. Heute, wieder in der Süddeutschen, schreibt Roger Willemsen (dem einen oder der anderen vielleicht noch als durchaus kluger und gewitzter, allerdings nicht ganz von Bildungsbürgerdünkel freier Talkmaster von “Willemsens Woche” bekannt) über die Sorte Arschlöcher, die zuletzt dadurch von sich reden gemacht haben, daß sie die Finanzsysteme vor die Wand gefahren haben. (Und anstatt ihre Verantwortung anzuerkennen, irgendwelche höheren Mächte bemühen - sowohl für die Ursachen der Krise (unkontrollierbare Umstände) als auch für ihre Lösung (den Staat nämlich, den sie bisher doch am liebsten so weit geschrumpft hätten, daß sie ihn im Klo hätten herunterspülen können) - und heulen, daß Kritik an ihnen einer Art Judenverfolgung gleichkäme.) Er beschreibt ein solches Arschloch, das am Flughafen vernehmlich in sein Headset quäkt, von “consulting practice” und “knowledge management”, und dann, nachdem auf dem Flug nach Frankfurt eine Passagierin verstorben ist und die Maschine deshalb bevorzugt zur Landung geleitet wird, nur den Kommentar “endlich mal kein Kreisen über Frankfurt” abgibt.
Willemsen spricht von dieser Sorte Mensch ganz richtig als “Hochleistungsmaschinen”, die ihre Arbeitgeber (wenn sie’s nicht selbst sind) “nicht mit seelischer Unzuverlässigkeit, Heimweh, Klaustrophobie, Vitalverstimmung oder Privatleben” behelligen und die “der Welt nichts zu geben [haben], schon gar kein Mitgefühl”. Und er zitiert dazu einen schönen Satz von Friedrich Hebbel: “Es gibt Menschen, die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.” Korrekt beobachtet. Allerdings ist diese Spezies Mensch nicht nur in der Finanz- und Businesswelt verbreitet. Es scheint eine bei sehr vielen Menschen in ganz verschiedenen Karrierewelten hoch im Kurs stehende Tugend zu sein, sich als ganz besonders harter Knochen zu geben, dem Dinge wie Ruhe, Zweifel, Empathie nichts bedeuten, der sich selbst für nichts achtet, es sei denn als nimmermüde Erfolgsproduktionsmaschine, die sich völlig aufarbeitet - und der das nicht nur aus irgendeinem Pflichtgefühl heraus tut, sondern dem das auch noch Spaß und Genuß bereitet, den einzigen, den er sich gönnt. (Das ist ja das Perfideste an unserer heutigen Arbeitswelt: wie vor hundert Jahren wird verlangt, daß man sich und sein ganzes Leben in den Dienst des Jobs stellt - aber man soll es bitteschön auch noch gerne und mit Vergnügen tun.)
Beispiele für diese Attitüde auch außerhalb der Wirtschaft gibt es zuhauf. Den Nachwuchsforscher in der Neurobiologie, der in einer Vorlesung mit besonders dick aufgetragener Kaltschnäuzigkeit berichtete, wie man zur Untersuchung dieses oder jenes Gendefekts Mausembryonen heranzieht, aus dem Mutterleib herausoperiert und die, die man nicht braucht, dann “im Ausguß zermatscht”. Der Chemiestudent, der mit unverhohlenem Stolz von seinen hochexplosiven Experimenten erzählt und mit welcher coolen Selbstverständlichkeit er sie durchführt. Und all die anderen Leute, die sich rastlos kaputtarbeiten, von Tagung zu Tagung reisen, immer zehn Dinge gleichzeitig bearbeiten und nie irgendwo ohne Laptop und Handy sein können. Das Schlimme an ihnen: sie denken, sie seien das Maß aller Dinge in ihrer Selbst- und Weltverachtung, und strahlen damit auf ihre Umgebung aus. Alle, die auch nur einen halben Gang langsamer unterwegs sind und sich vielleicht noch etwas wert sind, werden ent-wertet. Wert ist nur der, der sich aufarbeitet. (Siehe der Mitarbeiter, der den Fehler beging, per Internet einen Golfschläger zu bestellen und den an den Arbeitsplatz geliefert zu bekommen. Das diskreditierte ihn sofort auf der Chefebene: wie man für so ein Hobby, überhaupt irgendein Hobby, noch Zeit haben könne! Daß das Ding als Geschenk für seinen Vater gedacht war, ging unter.)
So machen diese Leute ihre ganze Umgebung unglücklich. In hellen Momenten fällt es ihnen selbst auf, aber sie denken, es könne gar nicht anders sein. Von Chefs sind mir Sätze überliefert wie “ich weiß, daß ihr mich alle für ein Arschloch haltet, aber bei uns geht wenigstens was vorwärts” oder “ich hab’s ja mal mit Nettsein versucht, aber es funktioniert einfach nicht, nur Härte bringt was”. Als sei Produktivität nur um den Preis der Aufgabe von Mitmenschlichkeit zu haben. (Zum Glück gibt es immer noch Gegenbeispiele.)
Meistens sind es Männer, die Arschlöcher. (Sagt auch Lemmy.) Warum auch immer. Die Bereitschaft und der Wille, sich selbst und andere aufzuarbeiten, scheint da einfach noch stärker ausgeprägt. Aber vielleicht gehen die Umstände ja doch allmählich in eine andere Richtung. Roger Willemsen berichtet auch von einem dieser 30jährigen Investmentbanker, den er dieser Tage, die Tasche neben sich im Dreck stehend, bitterlich weinen gesehen hätte, getröstet von seinem Kollegen: “Keine Sorge, das resetted sich.” Hoffentlich nicht. Es wird Zeit, daß wir diese Leute wieder als das sehen, was sie sind. Keine Vorbilder. Keine Herren der Welt. Keine, die die Menschheit, die Wirtschaft oder die Wissenschaft voranbringen. Sondern einfach nur: Arschlöcher.

am 8. November 2008 um 12:57 Uhr.
Sorry, mir will nicht ganz einleuchten, wie sich jemand über das fehlende Mitgefühl einer “Kaste” echauffiert, aber im gleichem Atemzug damit d’accord geht, dass ja sowieso 80% aller Menschen “Arschlöcher” seien. Wenn ich so einen durchgestylten pauschalen Unsinn lese, frage ich mich doch glatt, wer ist denn hier in Wahrheit derjenige, der die Menschen verachtet? Und über die Gründe der Krise des Finanzsystems ließe sich natürlich auch trefflich streiten, obwohl wir alle wahrscheinlich so viel Ahnung davon haben, wie Frauen von der Abseitsfalle oder Männer von Gerechtigkeit, aber das führte hier wohl zu weit.
Ich auf jeden Fall stelle nach deiner Lektüre unumwunden fest: Ich habe gerade auch nur ein weiteres selbstgerechtes Arschloch kennengelernt, das meint die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.
Gruß
Nothingman
am 10. November 2008 um 20:44 Uhr.
Ach Gott. 1) gehe ich nirgends einfach damit d’accord, daß 80% aller Menschen Arschlöcher seien. Ich war aber so frei, Lemmy mit einer ähnlichen Aussage zu zitieren, der ich doch einen gewissen Amüsementwert zuschreibe. 2) ging es mir nie vordergründig um die “Kaste” der Finanzmenschen, die ich auch nirgends komplett über einen Kamm schere (auch wenn sie angesichts der momentanen Situation schon mal Kritik einstecken können sollten, anstatt mit Begriffen wie “Judenverfolgung” und “Pogromstimmung” zu hantieren). Vielmehr ganz kastenübergreifend um all die Leute, die sich und andere aufarbeiten und das ex- oder implizit als leitmotivisch propagieren. Die gibt es, auch in ganz anderen Metiers, ich weiß, wovon ich spreche, und sie verdienen es, beim Namen genannt zu werden. 3) Männer und Gerechtigkeit? Wie war das mit pauschalem Unsinn? Und 4) habe ich niemanden persönlich (sowie anonym) als Arschloch bezeichnet. Was auch durch nachgestellten Smiley nicht viel weniger beleidigend wird.