Manufactum
Nach so viel Kritik an der Linken wird es nun Zeit, daß das Bürgertum auch mal wieder sein Fett abbekommt. Die Steilvorlage dafür liefern die zusammen mit dem Katalog gelieferten “Hausnachrichten Sommer 2008″ des Versandhauses Manufactum. Manufactum selbst ist ja ein Phänomen für sich. Man führt eine breite Palette von Waren aus allen möglichen Bereichen des täglichen Bedarfs, Haushaltsgegenstände, Werkzeug, Kleidung, Nahrungsmittel, Mobiliar, was auch immer - stets mit dem Anspruch, hochwertig, langlebig und in handwerklicher Tradition gefertigt zu sein. (Es gibt dort wirklich nette und gute Sachen - ich habe auch schon welche bestellt…) Und mit jedem Artikel kriegt man eine Geschichte mitgeliefert, die von gedrechselten Ausdrücken und Formulierungen nur so strotzt und dem geneigten Kunden die Besonderheit und traditionelle Verwurzelung des an sich meist recht profanen Gegenstands nahebringen soll, etwa wie “Wir lassen dieses Damaszener Teppichmesser von einem Schmied im Hochsauerland fertigen, der diese jahrhundertealte Schmiedetradition in Eigenregie hochgehalten hat und für die Herstellung eines Messers etwa ein halbes Jahr benötigt.” (Diese Art von Verkaufslyrik mal genauer zu untersuchen wäre bestimmt eine hübsche Germanistik-Dissertation. Auch in der Hinsicht, was davon wirklich wahr ist…)
Was solche Artikel und die mitverkauften Geschichten mit sich bringen, dürfte vor allem Distinktionsgewinn für die oberen Schichten einer Gesellschaft sein, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht und die um ihr Abrutschen fürchtende Mittelschicht sich vom “Prekariat” abgrenzen muß. Das führt dann zu so lustigen Szenen wie im Münchner Manufactum-Verkaufshaus, standesgemäß im Alten Hof, wo man gutgekleidete junge bürgerliche Paare fasziniert auf häßliche Porzellan-Dreh-Lichtschalter blicken sieht, die eigentlich in den späten fünfziger Jahren ausrangiert wurden, jetzt aber mit dem Argument, daß sie das einzig Wahre seien, wieder zu Ehren kommen.
Aber zurück zu den Hausnachrichten. Dort heißt es empört:
Bestürzung und Enttäuschung sind allenthalben in der Bildungsbürgerlandschaft auszumachen, Spott und Häme an ihren Antipoden. Der Brockhaus stellt sein gedrucktes Erscheinen ein, und das just im Jahr seines zweihundertsten Geburtstags.
Großartig. Woher nimmt der Verfasser nur seine profunde Kenntnis der Stimmung der deutschen Bildungsbürger “allenthalben” (siehe oben unter “gedrechselte Formulierungen”) und ihrer “Antipoden”? Mich beschleicht ein folgenschwerer Verdacht. Zum einen denke ich mir, daß den sogenannten “Antipoden” der Bildung in den prekären Unterschichten das Einstellen des gedruckten Brockhaus recht herzlich egal sein dürfte. (Abgesehen davon, daß diese Textstelle über die hämischen Ungebildeten unglaublich diskriminierend ist.) Wie wahrscheinlich auch dem größten Teil des “Bildungsbürgertums”, das von dieser Nachricht vermutlich sowieso erst durch die Manufactum-Hausnachrichten Notiz genommen hat: schließlich sind wir ja alle hauptsächlich mit unserer Arbeit beschäftigt und damit, selbige nicht zu verlieren. Mit dem Unterschied, daß das Bildungsbürgertum oder das, was sich dafür hält, beim Lesen dieser Nachricht wohl tatsächlich in “Bestürzung und Enttäuschung” verfallen ist: nicht so sehr aus echtem Gefühl, sondern weil der Manufactum-Text so schön suggeriert, daß man als echter Bildungsbürger gefälligst so zu reagieren hat. Um sich damit vom imaginierten hämischen Prekariat abzugrenzen. Sehr nett, wie das so funktioniert.
