Ausgehen in Göttingen
Ich will ja nicht verallgemeinern. Aber bei so manchen Veranstaltungen in dieser kleinen hochpolitischen Unistadt kann ich mich bei aller politischen Korrektheit und Sympathie für das engagierte politisch linke Spektrum und trotz all meines Gender-Equality-Bewußtseins starker Würgegefühle nicht erwehren. So fand hier im Juni unter dem Titel “Antifee” ein kleines Open Air mit assoziierten Veranstaltungen auf dem Unicampus statt. Wollte man sich auf der tendenziell politisch passend orientierten Veranstaltungsseite goest.de einfach nur darüber informieren, was für Bands da eigentlich spielen, mußte man sich erst einmal durch sechs Absätze Textgeschwurbel aus Hintergrund- und Überbauinformationen, von Randbemerkungen, Nachträgen und Metaebenenverstiegenheiten durchsetzt, kämpfen. Der Höhepunkt war dann allerdings ein Auszug aus einem Text der VeranstalterInnen (klar!) selbst:
“Außerdem sollen Frauen auf dem Gelände geschützt sein vor jeglichem dominanten männlichen Verhalten, Übergriffen und Rumprollerei. Generell gilt auf dem gesamten Festivalgelände Definitionsmacht: Menschen, von denen sich andere belästigt fühlen, gehen nach Hause! Wer Täter in Schutz nimmt, ebenfalls. Für die Durchsetzung dieses Freiraumes gibt es eine antisexistische Ansprechgruppe, bei der Betroffene sich melden, Hilfe erhalten, von dem Erlebten berichten und sich zurückziehen können. Weitere Details dieser von uns bedingungslos umgesetzten Praxis sind unserer Readerin oder Flyern vor Ort zu entnehmen.” Diese Details enthalten dann übrigens auch das Verbot von Palästinensertüchern unter der Überschrift “Palituch? - No Way!”
(Readerin. Warum nicht eigentlich auch Flyerinnen?) Solche Absätze verursachen bei mir mittlerweile physische Schmerzen. Daß diese Leute nicht mal merken, was für diktatorische Rechthabernazis und wie sexistisch sie in ihrem ach so politisch korrekten Streben nach Antisexismus selber geworden sind. Was bitte ist eigentlich “dominantes männliches Verhalten”? Naja, ist ja auch nicht so wichtig, schließlich hat man sich ja die alleinige “Definitionsmacht” zugesprochen, nicht unähnlich einem päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma in Einheit mit Alleinvertretungsanspruch, und kann das dann jeweils von Fall zu Fall nach Gusto bestimmen. “Menschen, von denen sich andere belästigt fühlen, gehen nach Hause!” Wundervoll. Ich stelle mir auf Basis dieses Grundsatzes vor, daß sich nach ein, zwei Stunden wahrscheinlich das gesamte Festivalpublikum kollektiv nach Hause hätte schicken können. Aber alldas, ebenso wie die “antisexistische Ansprechgruppe”, ist in der Göttinger Szene beileibe kein Einzelfall, nur vielleicht etwas auf die Spitze getrieben. Auf einer (musikalisch und auch sonst) an sich sehr feinen Party im linken Göttinger Jugendzentrum Juzi vor einigen Wochen hingen alle halbe Meter an allen Wänden Zettel folgenden Inhalts:
Wir haben keinen Bock darauf, daß auf Parties sexistische oder auch “bloß” unangenehme Anmachen laufen und Leute sich deswegen unwohl fühlen. Deswegen an alle: Achtet aufeinander und zögert nicht, andere Leute anzusprechen, wenn euch selbst eine Situation unangenehm ist. Wenn ihr sexistische Anmachen und Vorfälle mitbekommt, meldet euch beim Einlass oder an der Theke, wo die Leute euch helfen werden, und/oder werdet selbst aktiv! Wir verzichten gerne auf Idioten, die mit ihrem Verhalten andere Menschen verdrängen!
Jaja, ist ja an sich ein ehrenwertes Vorhaben. Bloß frage ich mich, ob auf solchen Parties überhaupt noch Leute aufkreuzen, die potentiell “sexistische Anmachen” fahren würden. Und außerdem kotzt mich dieser permanente Generalverdacht an. Als hätte man nicht eh schon genug Skrupel, überhaupt eine Frau anzusprechen - da kommt sowas dann gerade richtig. Der Mann an sich als permanentes Sexismusrisiko, schon beim Betreten der Veranstaltung mißtrauisch beäugt und jederzeit in Gefahr, sofort rausgeschmissen zu werden, sollte er eine Frau zu lange ansehen oder gar das Wort an sie richten. (Wäre es nicht an der Zeit, dafür auch eine Gedankenpolizei einzuführen? “Achtet aufeinander und zögert nicht, andere am Einlaß anzuzeigen, wenn Ihr mitbekommt, daß sie sexistische Gedanken hegen oder vorhaben, eine Frau zum Zwecke des Abschleppens anzusprechen.”)
Aber letztlich führt sich das Ganze selbst ad absurdum, nicht zuletzt durch das Verhalten der ach so schutzbedürftigen Frauen selbst. Auf der eben erwähnten Feier wurde ein Bekannter von mir durch einen anderen Bekannten ein paar Frauen, die letzteren fragten, wer ersterer denn so sei, in einer Bierlaune mit den Worten “der hat einen Riesenpenis” vorgestellt. Worauf ersterer von besagten Mädels den Rest des Abends über nur noch als “der mit dem Riesenpenis” angesprochen wurde. Ich hätte ja gerne gesehen, was eine Frau davon gehalten hätte, von einer Gruppe Männer als “die mit den Riesentitten” tituliert zu werden. Beziehungsweise hätte ich gerne gewußt, wie man/frau an der Theke und am Einlaß reagiert hätte, wenn sich besagter junger Mann über solcherart sexistisches Verhalten beschwert und um Rauswurf betreffender Damen nachgesucht hätte: er wäre mit ziemlicher Sicherheit ausgelacht worden. Es lebe die Gleichstellung.
Achja, und von dem eingangs geschilderten “Antifee”-Festival, das ich dann aus Prinzip boykottiert habe, hörte man dann auch noch lustige Geschichten. Ein eigentlich auch in der linken Szene aktiver und respektierter Livemusikclub, so hieß es, sei von den Veranstaltern offenbar mit einem Argument wie “ihr steht dann da immer so dominant herum” als zu sexistisch ausgeladen worden. Die Macher dieses Clubs hätten sich kaputtgelacht und ihren Freunden und Kollegen einer assoziierten Kneipe von dieser Ausladung berichtet, worauf die sich ebenfalls kaputtgelacht und den Antifee-Veranstaltern mitgeteilt hätten, daß sie sich unter diesen Umständen auch nicht am Festival beteiligen würden. Nun hätten die Veranstalter freilich ein Problem gehabt und nach weiteren MithelferInnen gesucht. Dazu schrieben sie wohl unter anderem eine Göttinger Antideutschen-Gruppierung an, die daraufhin geantwortet haben soll: natürlich könne man mitmachen, man gebe nur zu bedenken, daß man die verhaßteste Göttinger Antideutschengruppierung sei - und daß man schon mal von einer ähnlichen Veranstaltung ausgeladen worden sei. Wegen Sexismus.
(Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit.)
Es wurde auch von Protestaktionen berichtet, wo Männer und Frauen (!) mit dem expliziten Vorsatz, “Kampfangraben” zu betreiben, auf das Antifee-Festival gegangen seien. Ein männlicher Undercover-Demonstrant soll es dabei geschafft haben, im Lauf des Abends vier Frauen soweit zu bekommen, daß sie mit ihm nach Hause gegangen wären. Ein Hoch auf den weiblichen Antisexismus.
