Rückkehr
Zurück aus den Staaten und gleich wieder voll rein in Arbeit und Schlafmangel. Irgendwie habe ich ein Talent dafür, mich totzuwerkeln und hinterher nicht recht zu wissen, was eigentlich dabei rausgekommen ist und womit ich die ganze so schnell verstrichene Zeit eigentlich so verbracht habe. Na gut, zum Beispiel ist ein Paper, an dem wir lange gearbeitet haben, jetzt abgesehen von Formatsachen angenommen worden, was natürlich sehr fein ist. Daran habe ich aber auch noch letzten Donnerstag nach einer schlaflosen Nacht im Flugzeug über dem Atlantik (aber immerhin eine 747!) bis neun Uhr abends gearbeitet… und so gings seither irgendwie weiter. Heute mal um neun nach Hause, das ist schon ein Fortschritt.
Schon mal gehabt?: jemanden anrufen und während das Telefon klingelt sich dabei ertappen wie man denkt: hoffentlich ist er/sie nicht da: denn eigentlich will ich nur meine Ruhe und mit niemandem reden. Bedenklich, eigentlich. Zeit für mehr work-life balance. Was am Anfang der Zielgeraden zur Promotion mit einem Berg Projekte abschließen, Lernen, Schreiben wahrscheinlich nicht so leicht umzusetzen ist.
Auf meiner letzten Station in Boston eine Freundin aus meiner Zeit dort besucht. Sie ist inzwischen assistant professor in Harvard, ihr eigener Chef, glücklich verheiratet, wohnt in einer schicken kleinen Stadtwohnung mit Parkett, Dachterrasse und Blick auf die Hochhäuser von Downtown Boston, alles ziemlich perfekt. Und bevor jemand fragt: nein, sie hat nicht aufs Leben verzichtet dafür (Stichwort: Partycrasher 2001/2002). Dennoch, so zufrieden sie jetzt ist: für den Rest des Lebens schweben ihr andere Dinge vor. Vielleicht ein netter fester Job mit viel teaching und Freizeit an einer nicht unbedingt besonders renommierten Uni an einem schönen Ort dieser Welt (Hawaii zum Beispiel). Klingt jetzt auch nicht unbedingt wie ein Job, den man so ohne weiteres kriegt. Was aber auffällt, und nicht nur bei ihr: Wirklich gute, fitte Leute, auch die, die schon ziemlich viel erreicht haben, denken daran, das Rennen um Erfolg und nach so weit oben wie möglich höchstens soweit mitzumachen, bis sie sich und der Welt bewiesen haben, daß sie’s können, wenn sie wollen. Aber eigentlich wollen sie gar nicht. Das erinnert an die mehr und mehr berichteten Geschichten von Topmanagern, die irgendwann ihren höchstbezahlten 100-Wochenstunden-Job an den Nagel hängen, sei’s nach einer wichtigen Begegnung, einem Unfall oder einfach so, und sich fortan zum Beispiel für einen wohltätigen Zweck einsetzen. Ziemlich weise und ziemlich eindrucksvoll. Könnte es sein, daß die meisten von uns auf das ganze Rattenrennen um Erfolg, Streß, Konkurrenz, An-der-Spitze-Sein, Macht, Geld gar keinen Bock haben? Warum laufen wir dann alle anscheinend der Ideologie hinterher, die uns besagten Topmanager als das einzig verbliebene Ideal und Rollenmodell unserer Zeit verkaufen will? Müssen wir uns und der Welt wirklich beweisen, daß wir massivem Druck und dem Kampf um Erfolg nicht nur standhalten können, sondern ihn auch noch genießen?
Naja. Entschuldigung. Der schwermütige Physiker ist wieder mit mir durchgegangen.
Aber no is ned soweit
Noch was zu tun befiehlt die Eitelkeit
Doch bevor der Herzinfarkt
Mi mit 40 in die Windeln prackt
Lieg i scho irgendwo am Strand
A Bottle Rotwein in der Hand
Und streck die Fiaß in’ weißn Sand.
(Wer diesen Text noch kennt, melde sich!)
