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Data Mining, 2002 - 2011

6. Februar 2011

Heute mal wieder eines der sehr gelegentlichen Updates (abgesehen von den etwas häufigeren neuen Fotos). Zum einen beachte man die etwas überarbeitete Blogroll rechts, wo ich besonders zwei Seiten von werten Freunden von mir empfehlen möchte: Not quite like Beethoven, ein Blog über alle Aspekte des Hörens und darüber, es zu verlieren, und Nomadenfloh, ein aktuelles Protokoll einer Weltreise.

Ich hingegen recycle alte Sachen. Habe angesichts aktueller Datenschutz- und Privacy-Debatten an einen alten Text gedacht, den ich vor mittlerweile - autsch - neun Jahren geschrieben und auf meine damalige Seite gestellt habe. Ist wohl immer noch aktuell. Daher hier noch einmal in der kaum editierten Originalfassung - auch die link targets gibt’s noch.



Therapeuten wissen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. So gibt es zum Beispiel den Data Mining Cup, einen Wettbewerb, in dem man einen monströsen Haufen Daten präsentiert bekommt und daraus, freilich per Computer, möglichst irgendwelche interessanten Zusammenhänge herausziehen soll. Etwa: wer im Supermarkt Cornflakes kauft, hat eine 63prozentige Wahrscheinlichkeit, anschließend von einem Manager auf einem Microscooter angefahren zu werden. Dieser Wettbewerb wird natürlich von der Industrie gesponsort - schließlich erhofft sie sich daraus Lösungen ihrer eigenen Marketing- und anderen Probleme, und in der Regel sind die zur Verfügung gestellten Datenmengen natürlich nicht extra generiert, sondern real - billiges Outsourcing von Arbeit und Werbung für die Firma zugleich, was will man mehr?

Dieses Jahr [edit: 2002!] geht es um folgendes: Ein großer deutscher Stromversorger hat in seinen Marktanalysen festgestellt, daß aufgrund der Deregulierung des Strommarktes innerhalb der nächsten zwei Jahre wahrscheinlich etwa zehn Prozent seiner Kunden zu einem anderen Versorger wechseln werden. Um diese Kunden zu halten und gleichzeitig möglichst wenig dafür auszugeben, würde dieser Stromversorger gerne den potentiellen Wechslern - und nur denen! - Rabatte einräumen. Was natürlich das Problem aufwirft, herauszufinden, wer denn diese zehn Prozent sind. Man muß sich also die Daten von Kunden, die bereits gewechselt haben, und solchen, die geblieben sind, ansehen und versuchen, einen Zusammenhang zwischen dem “Kundenprofil” und dem Wechselverhalten herzustellen. Und hiermit betreten wir das große weite und hochinteressante Feld von “machine learning”, kniffligen Algorithmen, neuronalen Netzwerken, Regression, Klassifikation und Mustererkennung, das in dem Institut, an dem ich mich zur Zeit aufhalte, sehr ausführlich beackert wird. Dieser Datensatz ist im Prinzip ein schönes klassisches Klassifikations- und Generalisierungsproblem: zeige einem Algorithmus eine Menge Daten (das “training set”) mit bekannten “Labels” für jeden Datenpunkt (etwa 1 für Wechsler, -1 für treue Kunden), trainiere ihn damit und hoffe darauf, daß er neue Datenpunkte - also in unserem Fall Kunden, die noch bei der Stange geblieben sind - einigermaßen korrekt klassifizieren wird, damit man seine Rabatte nicht an die Treudoofen, die auch bei überhöhten Strompreisen nicht wechseln, und die Gewieften, die sowieso wechseln werden, verschwendet.

So weit, so gut. Wenn man nun einen Blick auf die Daten dieses Stromversorgers wirft, so finden sich darin Zahlen, die man ohne weiteres erwartet hätte, etwa eine Kundennummer, der Stromverbrauch im letzten Abrechnungszeitraum und solche Dinge. (Namen oder Adressen sind in den veröffentlichten Daten freilich nicht dabei, aber die kann der Stromversorger natürlich leicht rekonstruieren.) Daneben aber sind für jeden Kunden eine Reihe ominöser Ganzzahlen gespeichert. Die stammen aus sehr interessanten sogenannten Mikrogeographie-Datenbanken kommerzieller Anbieter wie etwa Consodata, die im Laufe einiger Jahre alle möglichen Kundendaten verschiedener Firmen, insbesondere wohl auch von Versicherungen und Krankenkassen, zusammengeführt haben und damit ein Datennetz über ganz Deutschland ausgebreitet haben, das, wie man stolz verkündet, “so feinmaschig ist, wie es das Datenschutzgesetz erlaubt”. Das heißt: für jeden Straßenabschnitt mit gerade mal fünf oder mehr Haushalten (!) gibt es in diesen Datenbanken eine ganze Reihe von Indizes, die die Bewohner dieser “Zellen” charakterisieren. Darunter finden sich eher harmlos-doofe Meßwerte wie der “Geländewagen-Index”, der die Wahrscheinlichkeit angibt, daß ein Bewohner einer solchen Zelle einen Geländewagen besitzt. Kritischer wird es dagegen bei den “Psychonomics-Versicherungstypologien” oder den “Pharmatypologien”, die etwa die Häufigkeit des Auftretens eines bestimmten Krankenversicherungs-”Typen” in einer Zelle angeben. Davon gibt es eine regelrechte Systematik - meine persönlichen Favoriten sind der “Unkritische Wehleidige”, der “Eingeschränkte Kassenpatient” und der “Überforderte Unterstützungssucher”. Man mag es sich kaum vorstellen, aber diese Firmen haben tatsächlich die Menschheit in solche Kategorien eingeteilt, dermaßen menschenverachtende Bezeichnungen dafür gewählt und verdienen eine Menge Geld damit, solche Daten an andere Firmen wie unseren Stromversorger weiterzugeben, der nur seine eigenen Kundendaten den entsprechenden Zellen zuordnen muß und auf einen Schlag einen Haufen mehr Information über seine Kunden hat, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich genau zutreffen (wie gesagt, bis auf etwa fünf Haushalte genau!). Consodata schreibt dazu in unbeholfenem, von Kommafehlern durchsetztem Marketingdeutsch:

“Selbst wenn Ihre eigene Database umfangreich und gut gepflegt ist, bekommen Sie durch MIKROTYP die qualifizierenden Ergänzungen, die eine Kundensegmentierung ermöglichen: Sie wissen vielleicht was der Kunde gekauft hat, oder wie alt er ist. Aber wissen Sie auch, in welchem Milieu er sich bezüglich des sozialen Status, der Bonitätsstruktur oder seiner Gesundheitstypologie befindet? MIKROTYP gibt Ihnen diesen Mehrwert.”

Mein Stromversorger kennt mich also nicht nur als Kunden 193583.221, der im letzten Monat eine Stromrechnung von achtzehn Euro fuffzich hatte, sondern auch als Unkritischen Wehleidigen, der sich bekanntermaßen von seinem Versicherungsvertreter jeden Schrott aufschwatzen läßt und seinem Hausarzt blind vertraut. Na, klingelt’s? Genau: So jemand wird wahrscheinlich seinen Stromversorger eher nicht wechseln. Sorry, kein Rabatt für Sie. Das wäre Ihr Preis gewesen…

Ich kann mich gar nicht genug aufregen. Wer von Euch kannte denn diese “Mikrotypen” oder wußte um diese engmaschigen Datenbanken? Big Brother watches you more than you thought. Das sind genau die Leute, die sich als allererste auf unsere Genomdaten stürzen werden, sobald es erst mal Pflicht wird, sie seiner Versicherung mitzuteilen - die sie dann, genau wie es mit den bisherigen Daten ja offenkundig schon längst geschehen ist, sofort in notdürftig anonymisierter Form an entsprechende Daten-”Provider” weitergeben wird, damit die daraus ein paar neue aussagekräftige Indizes erstellen können, meinetwegen den Depressionsindex oder den Altersschwachsinnsbeiwert. (Mit der möglichen Folge, daß etwa Bewohner einer Zelle mit einem hohen Frühablebensindex keine Lebensversicherung mehr werden abschließen können…?)

Für uns ergeben sich daraus vor allem zwei Folgerungen. Zum einen: Verhaltet Euch völlig irrsinnig und unberechenbar! Gebt grundsätzlich nur Zufallsdaten von Euch an! Kauft Dinge, die Ihr überhaupt nicht braucht! Wechselt Eure Dienstleister nach dem Zufallsprinzip! Lang lebe die Kommunikationsguerilla! Und zum zweiten: wenn es jemand unter Euch schafft, einen Algorithmus zu basteln, der die im Data Mining Cup gestellte Aufgabe perfekt löst, aber anschließend nur noch Unfug von sich gibt, der schicke ihn schleunigst an die Jury…

Grenoble, first glimpses of

19. September 2010

Grenoble ist ja eine schöne Stadt, in fantastischer Gebirgsumgebung, immerhin größer als Göttingen, mit Großforschungseinrichtungen wie dem Institut Laue-Langevin und dem ESRF-Synchrotron ein Paradies für Strukturbiologen und sonstige Nerds, lebendig ists auch, Kollegen und Chefs sind nett, und sobald man ein paar Brocken Französisch spricht, wird man wirklich freundlich und herzlich behandelt. Soweit so gut. Aber es ist auch eine härtere Stadt, als ich gedacht hatte. Das hat jetzt nicht so viel mit dem Umzug per se zu tun, der natürlich auch hart war: die Fahrt im Sprinter dauerte natürlich viel länger als gedacht, so daß wir nicht noch am selben Tag die Wohnungsschlüssel bekommen konnten; also nach einem Hotel suchen; aus irgendeinem Grund waren aber alle bis aufs letzte Bett ausgebucht, sowohl in den Vororten wie auch in der Stadt - und kutschiert mal mit einem Sechs-Meter-Transporter mit allen wesentlichen Habseligkeiten drin nach einer 950 km-Reise um halb elf abends durch französischen Stadtverkehr! Im ungefähr zehnten Hotel hatte dann der Nachtportier ein Erbarmen mit uns und gab uns eine Art Besenkammer mit Ausklappmatratze und Waschbecken - eine echte Erlösung. Am nächsten Morgen Wohnungsübergabe, dann den ganzen Kram in den dritten Stock schleppen - ohne Lift - , dann ich wieder diesmal alleine in den leeren Sprinter und zurück an die nächste deutsche Anmietstation nach Lörrach, weil Einwegmieten ins Ausland unbezahlbar sind. Dort kurz vor Ladenschluß eingetrudelt, zum Bahnhof gehetzt, festgestellt, daß keine Verbindung mehr nach Grenoble gehen würde, also bis Bern gefahren, bei Freunden übernachtet, am nächsten Tag gegen zwei Uhr nachmittags endlich reichlich ausgelutscht wieder in Grenoble angekommen - um festzustellen, daß der gesamte öffentliche Verkehr bestreikt wird…

Nein, mit Härte meine ich eher solche Sachen: Eine Woche nachdem ich hier eingezogen war, wurden eine Straße weiter fünf und noch hundert Meter weiter nochmal drei Autos abgefackelt. (Ich hab mir daraufhin für mein Mobil eine Garage gesucht.) Bei der Rückkehr vom ersten Kletterausflug mit einem Kollegen war das Seitenfenster seines Autos eingeschlagen und das Navi geklaut - auf einem Parkplatz in der Pampa außer- und oberhalb der Stadt - , und sein genervter Kommentar dazu war: “Das ist jetzt schon das dritte Mal!” Ähnliche Geschichten wußten auch andere im Labor zu berichten. Das Fahrrad, das ich für meine Freundin während ihres Besuchs hier gemietet hatte, wurde gestohlen - aus dem abgeschlossenen Fahrradkeller, der nur durch die abgeschlossene Haustür zugänglich ist. (Ohne Einbruch - also von jemandem mit Schlüssel.) Apropos Keller: eigentlich gehört noch ein Kellerabteil zu meiner Wohnung, aber während die Wohnung noch leerstand, wurde darin eingebrochen (also ins Kellerabteil), und bis geklärt ist, welche Versicherung eventuell für Tür und Schloß aufkommt, hab’ ich dazu keinen Zugang. (Ich rechne nicht damit, daß sich das in absehbarer Zeit ändert.) Als ich einmal per Fahrrad in der Stadt unterwegs war, von einem Autofahrer durch seine riskante Fahrweise zu einer harschen Bremsung gezwungen wurde und ihm dann entsprechend eine deutliche Geste der Mißbilligung zuwarf, bremste selbiger abrupt, legte den Rückwärtsgang ein und verfolgte mich (zum Glück nur bis zur nächsten roten Ampel). Und dann waren da natürlich vor einigen Wochen noch die Unruhen im Viertel Villeneuve, gerade mal zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt, wo einige Bewohner so in etwa ihr ganzes Viertel anzündeten, nachdem einer der Ihren von der Polizei erschossen wurde, als er das Feuer auf Polizisten eröffnet hatte, die ihn festnehmen wollten - er hatte immerhin kurz zuvor einen bewaffneten Raubüberfall auf ein Casino in der Umgebung verübt. Direkte Auswirkungen außerhalb des Viertels hatte das Ganze zum Glück nicht - aber drei, vier Nächte in Folge sah und hörte man von meinem Fenster aus den Polizeihubschrauber mit Suchscheinwerfer über dem Viertel kreisen.

Jetzt muß man sich natürlich nicht so anstellen, wenn es etwas strenger zugeht als im idyllischen kleinen Göttingen. (Obwohl da ja auch Sachen passiert sind, die man nicht erwartet hätte: Schießerei in der Goetheallee zwischen Bankräubern und der Polizei, Einbruch in die Wohnung von einem Freund von mir, wobei dessen Laptop geklaut wurde, …) Aber bedenklich ist das Ganze schon irgendwie. Woher das Ganze kommt, darüber kann ich natürlich nur spekulieren. Ein Hausmitbewohner, der offenbar in der Lokalpolitik aktiv ist, meinte, daß in Grenoble konkurrierende Gruppen des organisierten Verbrechens aufeinanderträfen; daß Drogen- und gar Menschenhandel hier Umschlagplätze hätten; oder daß bestimmte lokale Bestimmungen das Durchsuchen von Verdächtigen erschwerten oder unmöglich machten (das Amsterdam des Vincent Vega aus Pulp Fiction läßt grüßen). Rein persönlich habe ich den Eindruck, daß die französische Gesellschaft zerrissener zu sein scheint zwischen Oben und Unten, Alteingesessen und Zugewandert, Links und Rechts, als wir’s vom trotz aller Neuköllner Hauptschulen doch recht brav-ausgewogenen Deutschland kennen. Ebenfalls rein persönlich mein Gefühl, daß das jugendliche männliche testosterongeladene Heißsporntum hier häufiger vorkommt. Vielleicht mag ja auch die generell etwas härtere französische Protestkultur (und die stramm (rechts)konservative Regierung und ihre Antworten darauf) eine Rolle spielen. Was weiß ich.

Es macht aber schon etwas fürs Gesamtlebensgefühl aus. Man fängt an, über Dinge nachzudenken, die einem zuvor im Traum nicht eingefallen wären. Man fragt sich, ob man seine Fahrräder überhaupt noch im Fahrradraum lassen kann und wenn ja, wie dick Kette und Schloß zur Sicherung sein sollen. Ob man vor dem Urlaub nochmal alle seine Wertsachen fotografieren soll, um im Fall eines Einbruchs einen Beleg zu haben, daß man sie mal besessen hat. Ob man sein Navigationsgerät überhaupt noch verwenden soll. (Hier in der Gegend verlasse ich mich mittlerweile wieder auf Straßenkarten - und wenn ich das Auto irgendwo abstelle, lasse ich Handschuhfach und Kofferraumdeckel offen, zum Zeichen, daß es nichts zu holen gibt. Nennt mich paranoid - aber das wurde mir so geraten.)

Es erinnert ein Stück weit an die alten Schriften zum Thema Gesellschaftsvertrag - wo’s darum geht, daß man ein Stück seiner Souveränität an den Staat abgibt, um den Krieg aller gegen aller zu verhindern, und daß der Staat dann die Aufgabe übernimmt, für eine gewisse Grundsicherheit zu sorgen. Ein paarmal kam mir schon der Gedanke, daß es sich wohl so anfühlen muß, wenn man sich darauf nicht mehr verlassen kann. Aber nur ein paarmal.

Ansonsten sieht man ja an den Fotos, daß es mir hier in der Tat sehr gut gefällt. Ein paar mehr gerade Sätze Französisch bringe ich auch schon heraus, und das soll noch besser werden. Und meine Wohnung ist ja wirklich schnuckelig, und die Arbeit läßt sich gut an. Und überhaupt. Also, kein Anlaß zur Besorgnis.

Rumänien-Reisetagebuch, 6.5.10

18. Juli 2010

Auch die Strecke ab Brașov war, soweit man’s noch sehen konnte, sehr schön, und ich dachte wirklich: Rumänien ist ein Traumland für Eisenbahnfreaks. Wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft, viele schlängelige Nebenstrecken, gemütliches Tempo und Türen, die sich während der Fahrt öffnen lassen, und all das zum Spottpreis. Für die 316 Kilometer von Gheorgheni nach Bukarest habe ich umgerechnet gerade mal 16 Euro bezahlt. Nur hat es mir die Fahrt gestern zum Schluß doch noch ein bißchen verhagelt: nachdem’s den Paß hinauf noch flott gegangen war, tuckerten wir mit diversen längeren Stops, um auf Gegenzüge zu warten, und dazwischen höchstens 30 km/h wieder hinunter. Mit der Folge, daß der Zug nach zwei von planmäßig drei Stunden nicht einmal ein Viertel der Strecke Brașov-Bukarest hinter sich gebracht hatte. So schlimm wie befürchtet wurde es dann aber doch nicht. Mit einer Stunde Verspätung kam ich um Mitternacht in Bukarest an. Noch eine entspannte Nacht mit Ausschlafen und Frühstück in einer sehr charmanten Pension in einem unrenovierten Haus in der Nähe der Gara del Nord. Trotz Verspätung die bessere Alternative zu einem Nachtzug - dann hätte ich ab sieben Uhr morgens mitsamt schwerem Rucksack irgendwie die Zeit bis zum Abflug totschlagen müssen.

*

Am letzten Tag der Reise, den wir noch zu zweit verbrachten: Aufbruch von Sighişoara zurück nach Sibiu, noch immer per Mietwagen. Den ich ja mangels mitgebrachten Führerscheins nicht selbst fahren durfte. An diesem Tag war’s mir doch auch etwas unangenehm. Ich weiß, ich bin ein schrecklicher Beifahrer und tendiere zum Einmischen. Aber nachdem mein Reisegenosse an diesem Tag die rumänische Fahrweise schon ein Stück weit übernommen zu haben schien, ziemlich schnell unterwegs war und manchmal recht dicht auf Fuhrwerke und andere Hindernisse auffuhr - und sich dazu noch gelegentlich einen Spaß daraus machte, gezielt Schlaglöcher anzusteuern, war ich auf dem Beifahrersitz dann doch nicht so recht entspannt. Aber wir kamen heil und pünktlich in Sibiu an, wo wir mit einem netten deutsch-amerikanischen Paar, das wir auf der Hochzeit kennengelernt hatten, zum Mittagessen verabredet waren. Als wir danach den Mietwagen auf die Minute pünktlich wieder am Flughafen abgegeben hatten, trennten sich unsere Wege für dieses Mal - er flog zurück nach Deutschland, ich blieb noch eine Nacht bei besagten Freunden in Sibiu.

Desselben Nachmittags stotterte ich in der “Agenţia de voiaj CFR” meinen ersten Fahrkartenkauf zusammen und besuchte dann einen Vortrag aus der Reihe “Hermannstädter Gespräche” - im Original deutsch, eine Veranstaltung von der und für die deutsche Minderheit. Es ging um Tourismus in der Region Sibiu bzw. Hermannstadt (daß man in diesem Kontext nur ja nicht Sibiu sagt!), Referent war ein Mitglied des Stadtrats, der selbst auch eine Pension führt. Für mich als Außenstehenden war’s auch inhaltlich interessant - aber fast das Schönste war der Akzent, dieses Siebenbürger oder Hermannstädter Deutsch, weich und “osteuropäisch” klingend mit hartem H und gerolltem R, dazu noch ein paar österreichisch anmutende Klänge (vor allem bei den Doppellauten wie “au”). Eine spannende Mischung - eben wie tschechischer Akzent mit österreichischem Einschlag.

Interessant war unter anderem die Sicht von Leuten, die gerne mehr Tourismus und dabei insbesondere “Qualitätstourismus”, also von einigermaßen zahlungskräftigen Gästen, in die Region bringen wollen. Da will dann der noch recht junge Stadtrat ganz klar Gesetze erlassen, die dafür sorgen, daß Taxifahrer Uniform tragen müssen, damit sich den Touristen im Sommer nicht der Anblick eines Chauffeurs mit Schlappen, Bermudas und unterm Shirt hervorblitzender Wampe bietet. Und Musikbeschallung auf Freischankflächen (ein schönes deutsches Wort, nicht wahr?) wurde sogar bereits verboten - es sei denn Livemusik, und dann auch nur mit klassischen Instrumenten und nur bis 22 Uhr. Hmmm…

Nach diesen Einblicken in eine mal “andersrum” gestrickte multikulturelle Gesellschaft (mit Deutschen als Minderheit) blieben die Gespräche den Abend zu dritt über, bei Risotto und sehr feinem Rotwein aus der Republik Moldau, angeregt. Trotz nur kurzer Bekanntschaft haben wir uns prima verstanden. Ein schöner Abend.

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Die Reise geht zu Ende. In München nochmal eine Reihe von Zusammentreffen mit alten Freunden und meinen Eltern, alles fügte sich sehr passend zu einem schönen Abschluß zusammen. Falls sich nun noch jemand fragt, was die Bilder mit den vielen Leuten in einem offenen Waggon in der Galerie zu bedeuten haben: das war eines meiner schon ganz am Anfang dieser Reisenotizen erwähnten Ziele, die Schmalspurbahn im Valea Vaserului von Vişeu de Sus aus (oder auf deutsch: im Wassertal ab Oberwischau), in der Maramureş im Norden. Als ich am Morgen des 30. April mit dem Touristenzug fahren wollte, wurde mir bedeutet, daß der Betrieb für Ausflügler erst am folgenden 1. Mai aufgenommen werden würde. Wäre natürlich eine rechte Enttäuschung gewesen - aber nachdem der freundliche junge (und sehr gut deutsch sprechende) Wirt der kleinen Pension, in der ich mich einquartiert hatte, mir erzählt hatte, er würde an eben diesem 30. April mit Freunden mit der Wassertalbahn fahren, lungerte ich noch ein wenig am Bahnhof herum, bis mit der Zeit eine große Gruppe junger Leute inklusive ihm eingetrudelt war und Lokführer und Bremser (ja, sowas gibt es da noch!) mich einfach zum Mitfahren im bereitgestellten Sonderzug aufgefordert hatten. So kam ich gegen ein Trinkgeld fürs Fahrpersonal zu einer Fahrt, die sehr viel länger, lustiger und feuchtfröhlicher war, als es mit einem regulären Ausflugszug je gewesen wäre. Einer der Höhepunkte der Reise - auch und gerade, weil ich mit einer Selbstverständlichkeit dabeisein und mitfeiern durfte, als sei ich ein alter Freund der Feiergemeinde. Nicht zuletzt deshalb: eine ganz klare Reiseempfehlung für Rumänien - und falls Ihr auch in der Maramureş vorbeischaut, übernachtet doch in der Pension La Cassa in Vişeu de Sus…

Rumänien-Reisetagebuch, 5.5.10

17. Juli 2010

Todmüde und platt. Gestern nun die immerhin eine Bergtour oder besser Wanderung, die ich in diesem Urlaub untergebracht habe: von Bicaz aus ins Ceahlău-Massiv. Wollte eigentlich um 8 schon los, aber vorher gab’s kein Frühstück, also Aufbruch gegen 8.45 Uhr. Schönes klares Wetter, angenehme Temperatur, alles super. Nur, und das passiert mir hoffentlich nicht mehr wieder: ich habe den Weg hin zum eigentlichen Einstieg, von Bicaz ein langes Tal hinter zur Cabana Izvoru Muntelui, völlig unterschätzt. Erstmal war’s nur Straße, zweitens und vor allem 13,5 Kilometer! Nicht daß ich keine Karten lesen könnte. Aber darüber habe ich großzügig hinweggesehen, paar Kilometer, paßt schon, ne Stunde vielleicht. Von wegen… Nach über einer Stunde und einigen fehlgeschlagenen Autostopversuchen fand ich an einer Abzweigung (von der aus noch 8 km zum Einstieg bevorstanden!) ein “magazin mixt”, sprich Kiosk oder Gemischtwarenladen. Die Inhaberin und ihre herbeigerufene Nachbarin waren so nett, mir gleich ein halbes Dutzend Telefonnummern von Taxiunternehmen zu geben und, als ich beim Anrufen angesichts meiner paar Brocken Rumänisch ins Stocken geriet, das Gespräch gleich selbst zu übernehmen. Sehr fein. Gut, erst auf der Rückfahrt in einem anderen Taxi stellte der Fahrer das Taxameter auch tatsächlich an, und prompt war der Preis nur halb so hoch. Ob die Bergauffahrt wirklich so viel ressourcenfressender ist? Würde man bei vielleicht 200 m Höhenunterschied auf 8 km nicht unbedingt erwarten… Aber bei einem Differenzbetrag von etwas unter vier Euro kein Grund, allzuviel zu maulen.

Die Wanderung selbst: sehr schön. Nicht eben hochgebirgig (der Gipfel ist ja auch nur 1900 m hoch), vor allem im Wald, aber schon konditionsfordernd mit ordentlicher Steigung. Und einsam: ich begegnete den ganzen Tag über genau einem Wanderer sowie, oben auf der Cabana Dochia, dem Hüttenhund. Etwas gehetzt war ich den Tag über leider schon: zuerst wollte ich zügig Höhe machen, weil ich ja erst so spät losgekommen war, und als ich dann die Hütte erreicht hatte, zogen ringsum ernstzunehmende Gewitterwolken auf, die mich 100 m unter dem Gipfel dann doch zur Umkehr motivierten. Zum Schluß hatte ich eine doch ziemlich lange Rundtour in fünf Stunden absolviert, mit nur ein paar kurzen Pausen. Zusammen mit der wieder mal vom Nachtzug Bicaz - Bukarest, Abfahrt 3.30 Uhr morgens, und seiner schon mindestens zehn Minuten vor Abfahrt friedlich im Leerlauf vor sich hin öttelnden, zum endlichen Aufbruch dann laut hupenden Diesellok unterbrochenen folgenden Nacht und dem frühen Aufstehen, um den Bus durch die sagenhafte Bicaz-Schlucht und vorbei am Lacu Rosu mit seinen aus dem Wasser ragenden Baumstümpfen zu erreichen, ergibt das schon ein etwas erschöpftes Gefühl meinerseits.

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Spätes Frühstück / frühes Mittagessen in einer Pension/Cafe/Restaurant in Gheorgheni, im Szekely-Land, wo die ungarische Minderheit die Mehrheit stellt und alles auf ungarisch und rumänisch beschriftet ist. Ich ernähre mich ja zur Zeit hauptsächlich von Caşcaval-Käse in diversen Variationen (paniert und gebraten, in Streifen, gerieben, gerächert…) sowie Omelette, beziehungsweise Kombinationen dieser beiden. Die vegetarische Küche ist, vorsichtig gesagt, hier nicht besonders ausgeprägt. (Wenn ich daran denke, daß ich am Abend vor dem Flug nach Rumänien in München extra noch ein Abendessen aus lauter leicht gekochtem Grünzeug zu mir genommen habe, nachdem mir meine Anzughose schon so bedenklich eng geworden vorkam, wird mir jetzt angst und bang…) Gut, heute, nach der Wanderung, der kurzen Nacht, dem praktisch ausgefallenen Frühstück und dem Weg samt Marschgepäck zum Bahnhof und zurück (da es keine Schließfächer gab) durfte es schon was Kräftigendes sein. Also zum üblichen Frühstücksomelette noch den “Fitness-Salat” auf der Karte bestellt. Der war nur leider von einer sahnigen Sauce mehr als gesättigt und mit einer fingerdicken Schicht geriebenem, genau, Caşcaval bedeckt… Ein bißchen freue ich mich ja schon wieder auf Gemüse, Salat, Rohkost ohne alles oder bestenfalls mit Essig und Öl. (Könnte man sich natürlich auch selber kaufen und zubereiten, statt über das Essen in Gaststätten zu seufzen, versteht sich…)

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Rückblick. Der Tag nach der Hochzeit. Dank der ausgelassenen Feier fing er für mich erst so gegen Mittag an. Über dem offenen Feuer köchelte bereits ein großer Topf mit Lammgulasch, und jemand drückte mir als erstes gleich wieder ein randvolles Gläschen Ţuică in die Hand, das ich nach einem Höflichkeitsschluck diskret auf einem versteckten Gartentisch abstellte. Nach dem Mittagessen verging der Tag mit einem versuchten Besuch im “Dracula-Schloß” in Bran (das weder mit Dracula noch mit seinem historischen Vorbild Vlad Ţepeş irgendwas zu tun hat, aber es sieht einfach so schön gruselig aus) - versucht deshalb, weil’s schon geschlossen hatte, als wir endlich ankamen - , mit Herumfahren auf einer hübschen Paßstraße, einem nochmaligen Besuch beim Brautpaar (inklusive, der alten Zeiten zuliebe, einer kleinen Kissenschlacht, die der werte Bräutigam bzw. Ehemann wie früher und wie immer eindeutig für sich entschied - zwei große Brüder sind in solchen Dingen Training fürs Leben) und zum Schluß einem Abendessen im kleinen Freundes- und Familienkreis.

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Des nächsten Tages: Aufbruch nach Sighişoara bzw. Schässburg. Die Altstadt ist quasi Europas (oder der Welt?) größte bewohnte Burg und UNESCO-Weltkulturerbe (wie so einiges in Rumänien). Untergebracht haben wir uns in einer Art Reiterhof-Pension vor der Stadt, nachdem wir uns - auch aufgrund energischen Zuredens durch den schon berufsbedingt von der rumänischen Kultur begeisterten Bräutigam - darauf verständigt hatten, daß es zuwenig Zeit und zuviel Streß wäre, nur einen kurzen Aufenthalt einzulegen und dann gleich nach Sibiu weiterzufahren. War auf alle Fälle eine gute Idee - die Burg ist wirklich grandios. Hinter der Kirche auf dem Schulberg ein pittoresker alter deutscher Friedhof, der immer noch benutzt zu werden scheint. Im Café dann mal wieder ein schön bruchgelandeter Versuch Rumänisch meinerseits: nachdem wir Lust auf was Süßes hatten, ich von dem Ausdruck “aveţi” für “Haben Sie…” wußte und die Torte im Hochzeitsmenü klar als “tort” bezeichnet war, versuchte ich es mit einem “aveţi tort”. Es klang auch zu schön und verlockend nach einem genuschelten “Hawwe Sie Tort?”. Hat natürlich nicht geklappt und mir nur einen verständnislosen Blick eingebracht. “Aveţi” wird auf dem e, nicht dem A betont, das ţ ist ein stimmloses, kein stimmhaftes s, und das i am Ende wird nicht ausgesprochen. Naja. Sei’s drum. Der Pfannkuchen war auch lecker.

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Mein mitreisender alter Freund ist ja schon so ein Querdenker und genauer Beobachter der kleinen Dinge und Merkwürdigkeiten, auch sprachlicher Art, des Alltags. Beispiel: ich: “Ich geh mal das Klo suchen.” Er: “Und wenn du’s gefunden hast, kommst du dann erstmal wieder raus und sagst Bescheid, wo es ist?” Eulenspiegelei wäre auch eine passende Bezeichnung dafür. Jedenfalls brachte er irgendwann die Geschichte von Boliviens Präsident Evo Morales auf, der sich kürzlich durch die Äußerung hervorgetan hat, daß der Verzehr von Hähnchenfleisch aufgrund der in der Tiermast verwendeten Hormone Männer schwul werden ließe. Von da an begannen wir zu vermuten, daß uns das womöglich auch schon betreffen könnte, und mit der Zeit fanden wir mehr und mehr Hinweise darauf, daß man das, wenn man unbedingt wollte, von außen vielleicht tatsächlich so sehen könnte. Das fing ja schon damit an, daß wir beide alleine und ohne Frauen unterwegs waren. Dann haben wir auch noch in Doppelzimmern übernachtet. Schlimmer noch, in der Pension in Sighişoara habe ich ein paar Kleidungsstücke von Hand gewaschen und auf dem Balkongeländer zum Trocknen aufgehängt. Wie schwul ist das denn! Noch dazu tragen wir beide die Haare sehr kurz, und jeder von uns hatte ausschließlich schwarze T-Shirts dabei und trug dazu natürlich Bluejeans. Hmmm… Und um’s auf die Spitze zu treiben, ißt der eine (also ich) auch noch nur so Gemüsezeugs! Definitiv schwul! (Auch wenn’s einen gewissen Widerspruch zur ursprünglichen Hähnchentheorie darstellt. Aber von solchen Kleinigkeiten wollen wir uns hier mal nicht aufhalten lassen.)

Nicht daß irgendjemand etwas gesagt oder auch nur (über das für zwei der auch saisonbedingt wenigen Touristen übliche Maß hinaus) schräg geschaut hätte. Aber schön, wieviele unterstützende Indizien man plötzlich findet, wenn man sich mal auf eine erkenntnisleitende Hypothese versteift hat.

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Hurra, noch ein klassisches Rumänien-Erlebnis. Auf dem Weg vom Café zum Bahnhof in Gheorgheni wollte ich ein Foto schießen, was mein leerer Akku leider nicht mehr mitmachte. Dafür kam ein freundlicher Herr mittleren Alters aus einem Geschäft, fragte mich, wohin ich wollte, und als ich “la gara CFR”, zum Bahnhof also, zur Antwort gab, meinte er: “Come! I go.” Also Rucksack auf den Rücksitz und mich selbst auf den Beifahrersitz gewuchtet - eines Dacia Pickup! So kam ich also noch zu einer Mitfahrt in einem Wagen der rumänischen Haus- und Hofmarke. Mein Fahrer stellte sich als Mitglied der Bergwacht (salvamont) heraus, worauf ich natürlich von meiner Ceahlău-Tour berichten konnte. Alles nur in Satzfetzen - etwas Rumänisch, etwas Englisch - meine minimalen Rumänischkenntnisse sind ja bekannt, und seine waren wohl auch begrenzt: denn wie es sich in dieser Gegend gehört, war er Szekely und sprach Ungarisch. Aber wir haben uns prima verstanden.

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Noch zwei Szenen. Heute, auf der Busfahrt durch die Schlucht von Bicaz. Der Bus quält sich die steilen Serpentinen hoch. Und überholt diesmal nicht nur die üblichen Pferdefuhrwerke, sondern auch eine Bauersfamilie, Vater, Mutter, Kind offenbar, die ein paar Kühe die Straße entlangtreiben. Der Junge ist vielleicht acht, neun Jahre alt und führt das kleine Kalb.

Und gestern, vor der Pension am Bahnhof in Bicaz: ein junger Mann radelt auf einem Mountainbike vorbei. Und trägt dabei eine große Sense. Laptop und Lederhose ist nix dagegen!

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Kurz vor Brașov. Auch die Zugstrecke Gheorgheni - Brașov war traumhaft, vor allem zwischen Miercurea-Ciuc und Sfântu Gheorghe. Hoffentlich ist’s noch hell, wenn wir Brașov wieder verlassen, einen Paß hoch- und am Bucegi-Massiv vorbeifahren.

Rumänien-Reisetagebuch, 3.5.10

2. Juli 2010

Noch so eine Szene, diesmal heute in der Klosterkirche Voroneţ, eine der innen und außen reich bemalten Kirchen der Bukowina in Moldawien - in der Tat ein wunderschönes Werk, vor allem die Westfassade mit dem Jüngsten Gericht und innen die großen Ikonen an der reich verzierten und kunstvoll geschnitzten Holzverkleidung, die den Altar vom Kirchenschiff trennt. (Offenbar brachte man die Malereien außen an, um den einfachen Soldaten, die sich in den Klostermauern sammelten und zum Kampf rüsteten, ein paar biblische Grundlagen beizubringen.) Ein Pärchen betritt die Kirche, er alles andere als nach den außen explizit angebrachten Regeln gekleidet, nämlich mit Dreiviertelhosen, Schlappen und ärmellosem Shirt, sie in dunkellila-satinfarbenen Leggings und hell-lilanen, hohen Riemchenschuhen. Nichtsdestoweniger schlagen beide ganz selbstverständlich mehrfach das Kreuz und küssen die ausliegenden Ikonen.

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Rumänen sprechen ja ganz automatisch ein bißchen Deutsch. Nämlich zum Beispiel: Şniţel. (Das “s” mit der Cedille wird wie “sch” gesprochen, das “t” mit selbiger wie “z”.) Ist natürlich genau das, wonach es klingt. Aber deutsche Texte findet man auch anderswo als bei der deutschen Minderheit. Zum Beispiel auf vielen Autos und Lastwagen, die etwa am Kennzeichen noch den Namen eines deutschen Autohauses tragen, oder gar große Aufschriften deutscher Firmen oder Busunternehmen (von einem in Benneckenstein im Harz bis hin zur österreichischen Bundesbahn - gesehen auf einem Linienbus in Sibiu) oder deutsche Werbung. Oder natürlich, wenn deutsche Unternehmen tatsächlich hier tätig sind, holzverarbeitende Industrie, Bauunternehmen an einer Autobahn(?)baustelle bei Sibiu oder was weiß ich. Nicht zu vergessen: Hornbach, Kaufland, Penny, Praktiker… Zum Teil ist das lustig, zum Teil wirkt’s ein wenig seltsam, wird hier Nachbarschaftshilfe oder nicht doch auch Landschafts-, Interessen- und Einflußsphärenpflege betrieben? Naja. Unmittelbaren Schaden scheint es ja nicht anzurichten.

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Unterwegs von Gura Humorului nach Suceava im Nordosten in einem dreiteiligen, silbrigen Triebwagen. Die Landschaft, gestern noch bergig, weitet sich. Hügel werden zu langen, weiten Wellen in einer endlosen Ebene von Äckern, von einzelnen Dörfern und Obstwiesen unterbrochen.

Ein altes Ehepaar mit zerfurchten Gesichtern sitzt schweigend im Zug. Die Menschen hier können manchmal schon recht abweisend wirken. Am Bahnhof - heute sehen die meisten einander sehr ähnlich - läßt sich die Tür kaum öffnen. (Der erste Zug auf meiner Rumänien-Reise, bei dem die Türen automatisch geschlossen werden - und dann bringt man sie kaum noch auf…) Der alte Mann müht sich redlich, aber die Tür rührt sich kaum. So ähnlich war es am vorigen Bahnhof einem anderen Fahrgast ergangen, und so wie dort ein zweiter Reisender zu Hilfe gekommen war, komme diesmal ich dazu, mit vereinten Kräften kriegen wir die Tür auf, ich bleibe im Türrahmen stehen und halte sie offen. Der Mann steigt aus, dreht sich um, blickt mich aus hell leuchtenden wasserblauen Augen an, lächelt, bedankt sich, will seiner Frau beim Aussteigen helfen, die wird auf den steilen Stufen des Zuges etwas unsicher, da umfaßt er sie mit beiden Armen um die Hüften und hebt sie kurzerhand auf den Bahnsteig. Sie drehen sich um, lachen und gehen davon.

Ankunft in Suceava. Bei der Einfahrt sieht die Stadt alles andere als einladend aus mit ihren weit verstreuten, heruntergekommen wirkenden Gebäuden. Dafür empfängt uns ein Bahnhofsgebäude wie aus der schönsten Gründerzeit, tipptopp in Schuß: ein großer, überdimensional hoher Steinpalast mit einem riesigen, aber völlig leeren, wahrscheinlich abgeschlossenen Saal in der Mitte und am Bahnsteig digitalen Anzeigetafeln für Ankunft und Abfahrt. Einige Leute warten, darunter drei Mädchen und eine ältere Frau in der unglaublich strahlend leuchtenden farbenprächtigen Kleidung der Roma. Nein, ich habe es nicht erwartet, wenn schon, dann eher gehofft, daß es nicht passiert, aber die Mädchen haben mich eben doch angebettelt, ganz klassische Methode, erst ein Heiligenbildchen in die Hand gedrückt, dann Geld verlangt, die Jüngste vor allem immer aufdringlicher und unverschämter werdend. Verstehen tu ich sie natürlich nicht - einmal meine ich, daß die Jüngste ein Zeichen gibt wie, ich solle auch in meinem Bauchgurt nach Geld suchen, unglaublich, ich lüpfe kurz mein T-Shirt ein Stück, um zu demonstrieren, daß ich keinen trage, die beiden Älteren lachen und wenden sich ab, die Jüngere bleibt hartnäckig, will schon in meinen Geldbeutel fassen, nimmt die Heiligenbildchen wieder zurück, will mich in den Bahnhofsladen drängen, wohl damit ich Geld wechsle oder etwas kaufe. Erst dann schaffe ich es, mich loszureißen, und sie läßt ab. Wohlgemerkt: all das nachdem ich ihr schon einen Leu und dreißig und ein paar zerquetschte Bani gegeben hatte und einer ihrer vermuteten Schwestern sogar 10 Lei, wobei ich versuchte den Wunsch zu äußern, daß sie a) teilen mögen und b) ich ein Foto von ihnen, der leuchtenden Tracht wegen, machen dürfe. Zu nichts von beidem kam es natürlich. Ich hätte es wissen müssen. Bei den noch kleineren, aber ungefähr genauso aufdringlichen Jungs in Sighişoara war’s genauso gewesen: als ich dem einen 5 Lei gegeben hatte, kamen die beiden anderen angestürmt, falteten die Hände, machten weinerliche Gesichter und gingen in die Knie, während der erste mir klarmachte, daß er besagte 5 Lei als sein alleiniges Eigentum betrachtete. Und der zweite war dann unzufrieden mit dem einen Leu, den ich als einzigen Schein vernünftiger Größe noch hatte. Super.

Danach in den Intercity Suceava - Bukarest gestiegen, der mich in zwei Stunden nach Bacau bringt, von wo ich dann nach Bicaz komme. Mein erster rumänischer Intercity. Still, klimatisiert, zwei Mädels sitzen an ihren Laptops, die Vorhänge an allen Fenstern halb zugezogen. Was für Gegensätze. Ähnlich wie heute morgen in Voroneţ, als ich nach dem Klosterbesuch auf einer Mauer im Ort Pause machte und meinen überdimensionalen Apfel, der noch aus Sibiu oder Cluj oder Vişeu stammte, aß. Den steilen Forstweg am waldigen Hang gegenüber kam auf einmal ein Pferd hinabgetrabt, das einen langen, schon entrindeten Baumstamm auf dem Boden hinter sich herzog, von einem jungen Mann geleitet und begleitet. Ich dachte schon, als der Weg steiler und der Baumstamm schneller wurden, letzterer würde das Pferd noch überholen und mit sich reißen - aber der “Treiber” trieb sein Pferd einfach an, schneller zu laufen, getreu der alten Klettererweisheit “if you can’t do it, run past it”, bis Pferd und Baumstamm Talsohle und Flußbett erreicht hatten. Von einer kurzen Trinkpause unterbrochen schleppte das Pferd den Stamm noch zu einem Pferdewagen, wo kurz darauf ein älterer Mann mit einer Kettensäge für den Baumstamm dazukam. Der Jüngere löste den Schlepphaken aus dem Baumstamm, und nach einer Pause ging er mit dem Pferd wieder bergauf. Der Ältere blieb, zog ein Handy hervor und telefonierte eine Zeitlang. Danach machte er sich mit der Säge daran, den Stamm zu zerschneiden.

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Bisher habe ich in Rumänien in der Mehrzahl wirklich propere Häuser gesehen, und an vielen Stellen kündeten große Tafeln mit dem Sternenkranz der EU von Bau- oder Sanierungsprojekten. Hier im Nordosten sieht es nicht mehr so danach aus, als wäre recht viel saniert worden, und EU-Tafeln habe ich auch schon eine Zeitlang nicht mehr gesehen. Aber schließlich fahre ich hier ja auch nur per Intercity durch, von eingehender Betrachtung kann also keine Rede sein. Und schwupps, während ich dies schreibe, fährt eine ebensolche Tafel an mir vorbei. Wunderbar.

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Am Platz wird Kaffee serviert. Für 3 Lei kriegt man noch eine Packung Kondensmilch dazu: “Meggle Kaffeesahne, ultrahocherhitzt.” Langsam wird mir das Deutsche hier unheimlich…

Rumänien-Reisetagebuch, 2.5.10

27. Juni 2010

Wieder im Zug, Bahnhof Vişeu de Jos, Warten auf die Abfahrt. In 2+4 Stunden geht’s heute nach Moldawien, in die Bukowina, in einen kleinen Ort namens Gura Humorului (etwa: “Mund des Humors”) nahe einem der berühmten bemalten Klöster, Voroneţ.

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Am Tag der Hochzeit. Ich war ja schon etwas befangen, nachdem ich mich aus Platzgründen entschieden hatte, nicht die guten schwarzen Schuhe samt Karton mitzunehmen, sondern die schwarzen Turnschuhe, die sich leichter und ohne Dauerschäden in den Rucksack quetschen lassen. (Ich hätte natürlich auch die schwarzen anziehen und die Trekkingschuhe im Rucksack mitnehmen können… aber angesichts eines ohnehin eher zu vollgepackten Rucksacks war’s sicher die bessere Entscheidung.) Unter den wohlgekleideten Hochzeitsgästen fühlte ich mich damit dann trotz Anzug & Krawatte doch etwas underdressed, bewußter modischer Stilbruch hin oderher… Der Ort des Geschehens: die Schwarze Kirche in der Altstadt von Brașov - die so schwarz gar nicht war - , wo der Trauungsgottesdienst von einem Pfarrer der protestantischen deutschen Gemeinde zweisprachig, auf deutsch und rumänisch, abgehalten wurde. Damit die Gäste im großen Kirchenschiff nich so weit vom Brautpaar entfernt sitzen mußten, waren nahe des Altars zu beiden Seiten Stühle aufgestellt: eine Seite für die Männer, eine für die Frauen. Ein nach außen noch etwas angespannter Bräutigam, wohl von der Last des vielen Organisierens, dessen “Ja” in der Kirche kaum hörbar war - aber ich bin sicher, er hat es gesagt -, eine strahlende Braut, gerührte Gesichter auf der Seite der Frauen.

Nach dem Gottesdienst, vor der Kirche, kamen wir mit FreundInnen des Bräutigams ins Gespräch. Irgendwie verstanden wir uns auf Anhieb alle sehr gut - mein Reisegenosse meinte später, er habe sich gefragt, was da wohl passiert sein mag, als er mal kurz weggeschaut hätte, auf einmal hätten sich alle ganz selbstverständlich unterhalten - , und so wurde noch ein Kaffee eingenommen. Auf die Kuchen und Torten in der Auslage (unter anderem “Kremschnitt”, die genau das ist, was der Name vermuten läßt) mußte im Hinblick auf das bevorstehende Hochzeitsmahl schweren Herzens verzichtet werden.

Als wir in die Pension zurückkehrten, fing das Essen schon an. Ehe ich’s mich versah, hatte ich einen Begrüßungssekt in der Hand und eine Flasche Bier sowie ein Stamperl hausgebrannter, offenbar jahrelang in Fässern gelagerter (weil goldgelber statt klarer) ţuica (dem Pflaumenschnaps, den man wohl als Nationalgetränk bezeichnen kann) auf dem Tisch. Na dann prost. Beziehungsweise “noroc”, denn “prost” heißt auf Rumänisch “doof”.

Das Essen natürlich fleischlastig und deftig - aber sehr lecker. Ich nahm mir eine meiner zu besonderen Anlässen gelegentlich eingelegten Auszeiten vom Vegetarismus, “Flexitarier” der ich bin, allein schon wegen der ansonsten zu erwartenden Umstände, aber es hat sich ja auch gelohnt. Suppe, Fisch (sehr fein!), zwei Hauptgänge mit Fleisch (einmal eine Art Krautwickel, einmal etwas wie Kassler) und zum Schluß eine verboten leckere “tort”. All das war gut schaffbar, weil die einzelnen Gänge aus nicht allzu großen Portionen bestanden und mit reichlich zeitlichem Abstand serviert wurden - eigentlich eine gute Idee: ein, zwei kurze Reden, eine Darbietung einer Sängerin in traditioneller Tracht sowie Musikeinlagen seitens des DJ (der laut eines Schildes in seinem Auto tatsächlich “DJ Adi” hieß und sich zu meinem Vergnügen reichlich aus dem musikalischen Fundus von Radio Bayern 1 der Achtziger bediente), zu denen auch getanzt wurde, wechselten sich mit dem Essen ab. So saßen nicht alle die ganze Zeit nur herum, und die sich an ein reichliches Mahl anschließende Müdigkeit und Unlust, jetzt nochmal Party zu machen, wurden effektiv vermieden. (Sogar Kaffee und Kuchen wurden zwischen den Gängen gereicht.)

Der Alkohol tat schließlich seine Wirkung, und es wurde ausgelassen getanzt, nicht zuletzt von meiner Wenigkeit, unter anderem mit einem Kleiderständer sowie der Braut und weiteren netten Damen, die mit ihren Freunden angereist waren. Aber auch die “Betroffenen” versicherten, alles sei mit rechten Dingen und im Rahmen des Anstands und der guten Sitten zugegangen: “You were just having a good time!”. Insofern kann ich wohl beruhigt sein.

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Eine wunderbare Zugfahrt das, übrigens, die Strecke Vişeu-Salva. Sehr gemächlich tuckert der Zug, eine Diesellok und drei alte abgewetzte Waggons, talabwärts durch die grünen Hügel der Maramureş. An jedem Bahnhof steht bei Ein- oder Ausfahrt ein Bahnbediensteter neben seinem kleinen Häuschen und hält eine gelbe Flagge waagerecht vor sich, und der Stationsvorsteher ist auch immer mit der grünen Kelle präsent. Zur Abfahrt pfeift der Schaffner, die Lokomotive hupt, und weiter geht’s. Die Türen schließen nicht automatisch, wer sich zum Fotografieren oder aus sonst einem Grund mal hinauslehnen will, kann das problemlos tun. Holzhäuschen, Fischbauchbrücken, blühende Obstbäume, Hunde, Schafe, Ziegen, Hühner, sogar ein paar Hausschweine.

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Szene am Bahnhof Salva. Ein, nun ja, soweit man sehen kann, naja, Kaff, das hauptsächlich aus dem Bahnhof besteht, an dem die Nebenstrecke nach Vişeu und Sighetu Marmatiei von der Hauptstrecke Temesvar-Iasi abzweigt. Früher Sonntagnachmittag, schon frühsommerliche Hitze. Ein paar Männer sitzen auf den Plastikstühlen vor dem Wartesaal und unterhalten sich. Sie wirken nicht wie Reisende, eher wie Einheimische, die sich eben am Bahnhof zum Schwatz treffen, weil da nun mal was los ist und es einen Kiosk gibt. Hinter einem zweiten, geschlossenen Kiosk liegen ein paar Semmelstücke, an denen sich die Spatzen gütlich tun. Am Tresen des Kiosks eine herrenlose Bierdose. Einer der Männer nimmt die Bierdose, grinst und tränkt dann sorgfältig die Semmelbrocken mit dem in der Dose verbliebenen Bier.

Naja, diese Szene wirft dann doch ein etwas einseitiges Licht. Noch am selben Bahnhof lernte ich dann, über ihren sehr putzigen Hund namens Zazie, fünf nette rumänische Mädels kennen, die auch ein paar freie Tage in Vişeu verbracht hatten und jetzt auf dem Weg zurück zum Studieren oder Arbeiten nach Iasi waren. Zum Glück sprachen sie alle Englisch, wir verstanden uns auf Anhieb gut, redeten über Filme, Studium, Rumänien, Deutschland, Gott und die Welt, wo man schon so war (in ihrem Fall waren da USA, England, Spanien dabei). Sie waren per Zug, Minibus und wohl auch Anhalter unterwegs und hatten schonmal eine Nacht im Wartesaal des Bahnhofs Salva verbracht, nachdem ihr Zug ungefähr drei Stunden Verspätung gehabt hatte. Sie studieren oder studierten so Sachen wie Geographie oder PR, arbeiten (diejenige, die PR gelernt hatte - sehr ehrenwert!) zum Beispiel für eine rumänische NGO, die mit AIDS-Bekäpfung zu tun hat, machen sich etwas Sorgen um die berufliche Zukunft, albern herum, machen reihenweise Fotos mit der Digicam… und sind natürlich alle auf Facebook. Was ich sagen will, und das ist nun überhaupt keine bahnbrechende Erkenntnis, und es soll auch nicht so wie vom Mond herab betrachtet klingen, aber es ist wichtig, das einfach mal direkt und selbst und vor Ort zu erfahren: Sie sind wie wir! (Wer hätte das gedacht.) Das sollte nur mal gesagt werden, nachdem es ja offenbar so Vorfälle gibt wie - das haben mir die Mädels berichtet - in der Pariser Metro, wo Flugblätter mit Warnungen verteilt worden sein sollen, man solle auf seine Sachen aufpassen, es seien Rumänen unterwegs! (Muß das nochmal nachprüfen. But you get the point.)

Rumänien-Reisetagebuch, 29.4.10

27. Juni 2010

Auf dem Weg von Cluj-Napoca nach Vişeu, ganz im Norden in der Maramureş. Wälder, Stabkirchen, Schmalspurbahn, vielleicht auch schon Wandern. Ein Anfall von Erkältung gestern hatte mich eingebremst, daher eine Extra-Übernachtung in Cluj. Heute scheint’s wieder OK.

Schon viel passiert inzwischen, was in ein Reisetagebuch gehörte. Wurde ja extra um ein solches gebeten, natürlich inklusive Fotos und möglichst im Netz. Vielleicht reaktivier ich ja mal meinen alten Blog dafür… aber um Internetzugang hab ich mich jetzt nicht so recht gekümmert. Also aufschreiben und abtippen. Mit Rückblenden.

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Über 20 Minuten Verspätung und nur 5 Minuten planmäßige Umsteigezeit in Salva in den Zug Richtung Maramureş. Na hoffentlich klappt das. Nicht gerade die passenden Umstände für einen in Ruhe verfaßten Tagebucheintrag…

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Rückblick. Donnerstag, 22.4. Zwischenstop in München, inklusive spontanem Abendessen mit Freunden in der “Goldmarie” im Schlachthofviertel. Ein sehr netter Jungsabend. Auf der Rückfahrt noch eine Alkoholkontrolle: willkommen in München…

Am nächsten Morgen reichlich unausgeschlafen und ohne Frühstück - das holte ich dann am Flughafen nach - Aufbruch zum Flug. Die Maschine eine zweimotorige ATR 72 der Tarom Romanian Airlines. Neben mir ein amerikanischer Geschäftsmann, dessen Firma eine Fabrik in der Maramureş hat und der auf dem Weg zu einem Meeting in Bukarest war. In Sibiu erwartete mich dann mein alter Freund und Reisegenosse schon vor dem Schalter der Autovermietung am Flughafen. Die nette junge Dame dort fand uns offensichtlich sehr amüsant. Ich, der das Auto per Internet gemietet hatte, hatte meinen Führerschein vergessen, und er, der Zweitfahrer, hatte einen abgelaufenen Personalausweis bei sich. Das paßte so gut zusammen, daß wir darauf verzichteten, ihr mitzuteilen, daß sie sich wohl verlesen hatte: der Ausweis war gar nicht abgelaufen. Wie auch immer, das war’s für mich mit dem Abenteuer Autofahren in Rumänien - abgesehen von ein paar Kilometern am selben Tag auf dem Weg nach Brașov nahm ich auf dem Beifahrersitz Platz.

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Erster Ausflug vor der Fahrt nach Brașov: zum Mittagessen in ein Restaurant, das uns besagte nette Mitarbeiterin von der Autovermietung noch empfohlen hatte. Ein großes, scheunenartiges Gebäude, auch entsprechend dekoriert, die Bedienungen in etwas gekleidet, was man bei uns als Landhausmode bezeichnen würde, und dazu Musik, die für meine Ohren wie eine seltsame Mischung aus Musikantenstadl und türkischem Gesang klang… Das Essen war bei mir Polenta mit Käse und einer Sahnesoße, wobei eines von beiden (planm&aum;ßig) säuerlich war. Fein.

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Fahrt nach Brașov. Auf alle Fälle: deutlich weniger dramatisch als befürchtet, nachdem einer der beiden Lonely Planet-Autoren vom Autofahren in Rumänien strikt abgeraten hatte: “No! Are you nuts?” - mit so schönen Worten wie “Romanians routinely risk death just to gain three seconds on their trip, even if they’re just going to church” oder “Racing along on the verge of disaster is considered the pinnacle of skilled driving.” (Robert Reid, Leif Pettersen: Romania & Moldova. Lonely Planet Publications, 4th rev. ed., 2007.) Freilich: die Straßen sind kurvig, es gibt Schlaglöcher, die Leute fahren schnell und überholen oft und teils riskant. Aber was soll man auch machen, wenn es nur Landstraßen (und fast keine Autobahnen) gibt, auf denen der ganze Schwerverkehr fährt (hier lernt man dann doch den Wert einer Umgehungsstraße schätzen - obwohl sich die Rumänen vom Verkehr auf der dörflichen Hauptstraße offenbar nicht abschrecken lassen und sich auf direkt daran gelegenen Bänken zum Ratschen treffen). Im weiteren Verlauf trafen wir auf doch recht schlaglöchrige Straßen (und die Schlaglöcher waren durchaus ernst zu nehmen), aber die Strecke Sibiu-Brașov war wirklich gut ausgebaut und solide geteert: da mag der nörgelige Deutsche mal nicht viel motzen.

Das also ist das mysteriöse Transsylvanien bzw. Siebenbürgen. Eine wunderbar grüne, hügelige Landschaft, gesäumt von den noch schneebedeckten Gipfeln der Karpaten - in unserem Fall des Fagaras- oder Fogarasch-Gebirges. Eine schöne Autofahrt jedenfalls.

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Durch Brașov nach Sanpetru, ein kleiner Vorort, wo in einer kleinen Pension die Hochzeitsfeier stattfinden sollte und wir untergebracht waren. Etwas trostlos sah die Gegend dort schon aus. Hochspannungsleitungen, Rohre oder Pipelines, weit verstreute Häuser. Mein Reisegefährte war gleich etwas enttäuscht. Schaun wir doch erst mall, meinte ich. Die Pension: nett und sehr adrett, mit gepflegtem Garten inklusive Pavillon und Hollywoodschaukel. Das Brautpaar war zugegen, doch etwas im Streß, der Tag neigte sich dem Ende zu und die Dekofirma kleidete die Stühle noch einzeln mit weißem Tuch und Schleifchen ein.

Auferstehung

26. Juni 2010

Bücherberg Diesen Post wollte ich eigentlich schon vor ungefähr eineinhalb Jahren machen. Ist dann aber im Dämmerschlaf dieses Blogs untergegangen. Mein Bedürfnis, mich mit öffentlichen Äußerungen hervorzutun, hat abgenommen… Und schließlich: wenn man sich Sorgen darum macht, wieviel Privates man auf Facebook von sich gibt, sollte man sich vielleicht mit langen prätentiösen Texten und mit Fotos von sich und allen Freunden samt Namen auf Seiten, die der ganzen Welt zugänglich sind, etwas zurückhalten. Ich kümmer mich mal drum. Aber jetzt, wo ich nach Frankreich, nach Grenoble, verzogen bin, kann ja vielleicht der ursprüngliche Zweck einer “Exil-Homepage” für die Lieben zuhaus’ wieder etwas in den Vordergrund treten. Dazu gibts ja in der Galerie schon ein paar Fotos. Aber ich wollte doch noch berichten, daß das, weshalb ich nach Göttingen gekommen war, die Diss, vor nun eben schon eineinhalb Jahren zum Glück ein glückliches Ende gefunden hat. Rechts sehen wir den stolz aufgehäuften Stapel der Bücher, die ich zum Lernen verwendet habe - doch, ja, alle, aber, klar, manche nur sehr auszugsweise - , und unten den Autor beim Vollstrecken des alten Göttinger Frischdissertiertenrituals: dem “Gänseliesel” auf dem gleichnamigen Brunnen inmitten der Stadt einen Strauß Blumen und ein Küßchen darbringen. So. Das mußte jetzt mal gesagt werden, nach einem langen und nicht eben leichten Weg dahin… Als nächstes kommt noch der Text zu den Bildern aus Rumänien, dann vielleicht mal das eine oder andere Wort aus der Neuen Heimat hier. Soviel für heute. Gute Nacht.
Lieselknutschen

Fehlleistungen

6. Dezember 2008

…zum Beispiel: man sieht sich eine Stereo-Abbildung in einem Fachartikel an, die ein Protein dreidimensional zeigt, wenn man die Augen entsprechend adaptiert (wie damals mit den “Magisches Auge”-Büchern). Man erkennt irgendein Detail nicht so gut. Und bewegt dann den Kopf zur Seite, im vergeblichen Bemühen, seitlich auf das Protein draufzuschauen…

Schön auch die Geschichte aus dem ICE (es gibt ja so viele Geschichten aus dem ICE), die mir eine Freundin erzählte. Eine Mitreisende sprach in ihr Handy: “Ruf mich mal zurück, mein Akku ist gleich leer.”

Arschlöcher

1. November 2008

Acht von zehn, sagte Lemmy kürzlich in seinem großartigen Interview mit der Süddeutschen. An guten Tagen. Acht von zehn Leuten, die einem begegnen: Arschlöcher. Heute, wieder in der Süddeutschen, schreibt Roger Willemsen (dem einen oder der anderen vielleicht noch als durchaus kluger und gewitzter, allerdings nicht ganz von Bildungsbürgerdünkel freier Talkmaster von “Willemsens Woche” bekannt) über die Sorte Arschlöcher, die zuletzt dadurch von sich reden gemacht haben, daß sie die Finanzsysteme vor die Wand gefahren haben. (Und anstatt ihre Verantwortung anzuerkennen, irgendwelche höheren Mächte bemühen - sowohl für die Ursachen der Krise (unkontrollierbare Umstände) als auch für ihre Lösung (den Staat nämlich, den sie bisher doch am liebsten so weit geschrumpft hätten, daß sie ihn im Klo hätten herunterspülen können) - und heulen, daß Kritik an ihnen einer Art Judenverfolgung gleichkäme.) Er beschreibt ein solches Arschloch, das am Flughafen vernehmlich in sein Headset quäkt, von “consulting practice” und “knowledge management”, und dann, nachdem auf dem Flug nach Frankfurt eine Passagierin verstorben ist und die Maschine deshalb bevorzugt zur Landung geleitet wird, nur den Kommentar “endlich mal kein Kreisen über Frankfurt” abgibt.

Willemsen spricht von dieser Sorte Mensch ganz richtig als “Hochleistungsmaschinen”, die ihre Arbeitgeber (wenn sie’s nicht selbst sind) “nicht mit seelischer Unzuverlässigkeit, Heimweh, Klaustrophobie, Vitalverstimmung oder Privatleben” behelligen und die “der Welt nichts zu geben [haben], schon gar kein Mitgefühl”. Und er zitiert dazu einen schönen Satz von Friedrich Hebbel: “Es gibt Menschen, die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.” Korrekt beobachtet. Allerdings ist diese Spezies Mensch nicht nur in der Finanz- und Businesswelt verbreitet. Es scheint eine bei sehr vielen Menschen in ganz verschiedenen Karrierewelten hoch im Kurs stehende Tugend zu sein, sich als ganz besonders harter Knochen zu geben, dem Dinge wie Ruhe, Zweifel, Empathie nichts bedeuten, der sich selbst für nichts achtet, es sei denn als nimmermüde Erfolgsproduktionsmaschine, die sich völlig aufarbeitet - und der das nicht nur aus irgendeinem Pflichtgefühl heraus tut, sondern dem das auch noch Spaß und Genuß bereitet, den einzigen, den er sich gönnt. (Das ist ja das Perfideste an unserer heutigen Arbeitswelt: wie vor hundert Jahren wird verlangt, daß man sich und sein ganzes Leben in den Dienst des Jobs stellt - aber man soll es bitteschön auch noch gerne und mit Vergnügen tun.)

Beispiele für diese Attitüde auch außerhalb der Wirtschaft gibt es zuhauf. Den Nachwuchsforscher in der Neurobiologie, der in einer Vorlesung mit besonders dick aufgetragener Kaltschnäuzigkeit berichtete, wie man zur Untersuchung dieses oder jenes Gendefekts Mausembryonen heranzieht, aus dem Mutterleib herausoperiert und die, die man nicht braucht, dann “im Ausguß zermatscht”. Der Chemiestudent, der mit unverhohlenem Stolz von seinen hochexplosiven Experimenten erzählt und mit welcher coolen Selbstverständlichkeit er sie durchführt. Und all die anderen Leute, die sich rastlos kaputtarbeiten, von Tagung zu Tagung reisen, immer zehn Dinge gleichzeitig bearbeiten und nie irgendwo ohne Laptop und Handy sein können. Das Schlimme an ihnen: sie denken, sie seien das Maß aller Dinge in ihrer Selbst- und Weltverachtung, und strahlen damit auf ihre Umgebung aus. Alle, die auch nur einen halben Gang langsamer unterwegs sind und sich vielleicht noch etwas wert sind, werden ent-wertet. Wert ist nur der, der sich aufarbeitet. (Siehe der Mitarbeiter, der den Fehler beging, per Internet einen Golfschläger zu bestellen und den an den Arbeitsplatz geliefert zu bekommen. Das diskreditierte ihn sofort auf der Chefebene: wie man für so ein Hobby, überhaupt irgendein Hobby, noch Zeit haben könne! Daß das Ding als Geschenk für seinen Vater gedacht war, ging unter.)

So machen diese Leute ihre ganze Umgebung unglücklich. In hellen Momenten fällt es ihnen selbst auf, aber sie denken, es könne gar nicht anders sein. Von Chefs sind mir Sätze überliefert wie “ich weiß, daß ihr mich alle für ein Arschloch haltet, aber bei uns geht wenigstens was vorwärts” oder “ich hab’s ja mal mit Nettsein versucht, aber es funktioniert einfach nicht, nur Härte bringt was”. Als sei Produktivität nur um den Preis der Aufgabe von Mitmenschlichkeit zu haben. (Zum Glück gibt es immer noch Gegenbeispiele.)

Meistens sind es Männer, die Arschlöcher. (Sagt auch Lemmy.) Warum auch immer. Die Bereitschaft und der Wille, sich selbst und andere aufzuarbeiten, scheint da einfach noch stärker ausgeprägt. Aber vielleicht gehen die Umstände ja doch allmählich in eine andere Richtung. Roger Willemsen berichtet auch von einem dieser 30jährigen Investmentbanker, den er dieser Tage, die Tasche neben sich im Dreck stehend, bitterlich weinen gesehen hätte, getröstet von seinem Kollegen: “Keine Sorge, das resetted sich.” Hoffentlich nicht. Es wird Zeit, daß wir diese Leute wieder als das sehen, was sie sind. Keine Vorbilder. Keine Herren der Welt. Keine, die die Menschheit, die Wirtschaft oder die Wissenschaft voranbringen. Sondern einfach nur: Arschlöcher.