Rumänien-Reisetagebuch, 6.5.10
18. Juli 2010Auch die Strecke ab Brașov war, soweit man’s noch sehen konnte, sehr schön, und ich dachte wirklich: Rumänien ist ein Traumland für Eisenbahnfreaks. Wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft, viele schlängelige Nebenstrecken, gemütliches Tempo und Türen, die sich während der Fahrt öffnen lassen, und all das zum Spottpreis. Für die 316 Kilometer von Gheorgheni nach Bukarest habe ich umgerechnet gerade mal 16 Euro bezahlt. Nur hat es mir die Fahrt gestern zum Schluß doch noch ein bißchen verhagelt: nachdem’s den Paß hinauf noch flott gegangen war, tuckerten wir mit diversen längeren Stops, um auf Gegenzüge zu warten, und dazwischen höchstens 30 km/h wieder hinunter. Mit der Folge, daß der Zug nach zwei von planmäßig drei Stunden nicht einmal ein Viertel der Strecke Brașov-Bukarest hinter sich gebracht hatte. So schlimm wie befürchtet wurde es dann aber doch nicht. Mit einer Stunde Verspätung kam ich um Mitternacht in Bukarest an. Noch eine entspannte Nacht mit Ausschlafen und Frühstück in einer sehr charmanten Pension in einem unrenovierten Haus in der Nähe der Gara del Nord. Trotz Verspätung die bessere Alternative zu einem Nachtzug - dann hätte ich ab sieben Uhr morgens mitsamt schwerem Rucksack irgendwie die Zeit bis zum Abflug totschlagen müssen.
Am letzten Tag der Reise, den wir noch zu zweit verbrachten: Aufbruch von Sighişoara zurück nach Sibiu, noch immer per Mietwagen. Den ich ja mangels mitgebrachten Führerscheins nicht selbst fahren durfte. An diesem Tag war’s mir doch auch etwas unangenehm. Ich weiß, ich bin ein schrecklicher Beifahrer und tendiere zum Einmischen. Aber nachdem mein Reisegenosse an diesem Tag die rumänische Fahrweise schon ein Stück weit übernommen zu haben schien, ziemlich schnell unterwegs war und manchmal recht dicht auf Fuhrwerke und andere Hindernisse auffuhr - und sich dazu noch gelegentlich einen Spaß daraus machte, gezielt Schlaglöcher anzusteuern, war ich auf dem Beifahrersitz dann doch nicht so recht entspannt. Aber wir kamen heil und pünktlich in Sibiu an, wo wir mit einem netten deutsch-amerikanischen Paar, das wir auf der Hochzeit kennengelernt hatten, zum Mittagessen verabredet waren. Als wir danach den Mietwagen auf die Minute pünktlich wieder am Flughafen abgegeben hatten, trennten sich unsere Wege für dieses Mal - er flog zurück nach Deutschland, ich blieb noch eine Nacht bei besagten Freunden in Sibiu.
Desselben Nachmittags stotterte ich in der “Agenţia de voiaj CFR” meinen ersten Fahrkartenkauf zusammen und besuchte dann einen Vortrag aus der Reihe “Hermannstädter Gespräche” - im Original deutsch, eine Veranstaltung von der und für die deutsche Minderheit. Es ging um Tourismus in der Region Sibiu bzw. Hermannstadt (daß man in diesem Kontext nur ja nicht Sibiu sagt!), Referent war ein Mitglied des Stadtrats, der selbst auch eine Pension führt. Für mich als Außenstehenden war’s auch inhaltlich interessant - aber fast das Schönste war der Akzent, dieses Siebenbürger oder Hermannstädter Deutsch, weich und “osteuropäisch” klingend mit hartem H und gerolltem R, dazu noch ein paar österreichisch anmutende Klänge (vor allem bei den Doppellauten wie “au”). Eine spannende Mischung - eben wie tschechischer Akzent mit österreichischem Einschlag.
Interessant war unter anderem die Sicht von Leuten, die gerne mehr Tourismus und dabei insbesondere “Qualitätstourismus”, also von einigermaßen zahlungskräftigen Gästen, in die Region bringen wollen. Da will dann der noch recht junge Stadtrat ganz klar Gesetze erlassen, die dafür sorgen, daß Taxifahrer Uniform tragen müssen, damit sich den Touristen im Sommer nicht der Anblick eines Chauffeurs mit Schlappen, Bermudas und unterm Shirt hervorblitzender Wampe bietet. Und Musikbeschallung auf Freischankflächen (ein schönes deutsches Wort, nicht wahr?) wurde sogar bereits verboten - es sei denn Livemusik, und dann auch nur mit klassischen Instrumenten und nur bis 22 Uhr. Hmmm…
Nach diesen Einblicken in eine mal “andersrum” gestrickte multikulturelle Gesellschaft (mit Deutschen als Minderheit) blieben die Gespräche den Abend zu dritt über, bei Risotto und sehr feinem Rotwein aus der Republik Moldau, angeregt. Trotz nur kurzer Bekanntschaft haben wir uns prima verstanden. Ein schöner Abend.
Die Reise geht zu Ende. In München nochmal eine Reihe von Zusammentreffen mit alten Freunden und meinen Eltern, alles fügte sich sehr passend zu einem schönen Abschluß zusammen. Falls sich nun noch jemand fragt, was die Bilder mit den vielen Leuten in einem offenen Waggon in der Galerie zu bedeuten haben: das war eines meiner schon ganz am Anfang dieser Reisenotizen erwähnten Ziele, die Schmalspurbahn im Valea Vaserului von Vişeu de Sus aus (oder auf deutsch: im Wassertal ab Oberwischau), in der Maramureş im Norden. Als ich am Morgen des 30. April mit dem Touristenzug fahren wollte, wurde mir bedeutet, daß der Betrieb für Ausflügler erst am folgenden 1. Mai aufgenommen werden würde. Wäre natürlich eine rechte Enttäuschung gewesen - aber nachdem der freundliche junge (und sehr gut deutsch sprechende) Wirt der kleinen Pension, in der ich mich einquartiert hatte, mir erzählt hatte, er würde an eben diesem 30. April mit Freunden mit der Wassertalbahn fahren, lungerte ich noch ein wenig am Bahnhof herum, bis mit der Zeit eine große Gruppe junger Leute inklusive ihm eingetrudelt war und Lokführer und Bremser (ja, sowas gibt es da noch!) mich einfach zum Mitfahren im bereitgestellten Sonderzug aufgefordert hatten. So kam ich gegen ein Trinkgeld fürs Fahrpersonal zu einer Fahrt, die sehr viel länger, lustiger und feuchtfröhlicher war, als es mit einem regulären Ausflugszug je gewesen wäre. Einer der Höhepunkte der Reise - auch und gerade, weil ich mit einer Selbstverständlichkeit dabeisein und mitfeiern durfte, als sei ich ein alter Freund der Feiergemeinde. Nicht zuletzt deshalb: eine ganz klare Reiseempfehlung für Rumänien - und falls Ihr auch in der Maramureş vorbeischaut, übernachtet doch in der Pension La Cassa in Vişeu de Sus…

Diesen Post wollte ich eigentlich schon vor ungefähr eineinhalb Jahren machen. Ist dann aber im Dämmerschlaf dieses Blogs untergegangen. Mein Bedürfnis, mich mit öffentlichen Äußerungen hervorzutun, hat abgenommen… Und schließlich: wenn man sich Sorgen darum macht, wieviel Privates man auf Facebook von sich gibt, sollte man sich vielleicht mit langen prätentiösen Texten und mit Fotos von sich und allen Freunden samt Namen auf Seiten, die der ganzen Welt zugänglich sind, etwas zurückhalten. Ich kümmer mich mal drum. Aber jetzt, wo ich nach Frankreich, nach Grenoble, verzogen bin, kann ja vielleicht der ursprüngliche Zweck einer “Exil-Homepage” für die Lieben zuhaus’ wieder etwas in den Vordergrund treten. Dazu gibts ja in der