Fehlleistungen

6. Dezember 2008

…zum Beispiel: man sieht sich eine Stereo-Abbildung in einem Fachartikel an, die ein Protein dreidimensional zeigt, wenn man die Augen entsprechend adaptiert (wie damals mit den “Magisches Auge”-Büchern). Man erkennt irgendein Detail nicht so gut. Und bewegt dann den Kopf zur Seite, im vergeblichen Bemühen, seitlich auf das Protein draufzuschauen…

Schön auch die Geschichte aus dem ICE (es gibt ja so viele Geschichten aus dem ICE), die mir eine Freundin erzählte. Eine Mitreisende sprach in ihr Handy: “Ruf mich mal zurück, mein Akku ist gleich leer.”

Arschlöcher

1. November 2008

Acht von zehn, sagte Lemmy kürzlich in seinem großartigen Interview mit der Süddeutschen. An guten Tagen. Acht von zehn Leuten, die einem begegnen: Arschlöcher. Heute, wieder in der Süddeutschen, schreibt Roger Willemsen (dem einen oder der anderen vielleicht noch als durchaus kluger und gewitzter, allerdings nicht ganz von Bildungsbürgerdünkel freier Talkmaster von “Willemsens Woche” bekannt) über die Sorte Arschlöcher, die zuletzt dadurch von sich reden gemacht haben, daß sie die Finanzsysteme vor die Wand gefahren haben. (Und anstatt ihre Verantwortung anzuerkennen, irgendwelche höheren Mächte bemühen - sowohl für die Ursachen der Krise (unkontrollierbare Umstände) als auch für ihre Lösung (den Staat nämlich, den sie bisher doch am liebsten so weit geschrumpft hätten, daß sie ihn im Klo hätten herunterspülen können) - und heulen, daß Kritik an ihnen einer Art Judenverfolgung gleichkäme.) Er beschreibt ein solches Arschloch, das am Flughafen vernehmlich in sein Headset quäkt, von “consulting practice” und “knowledge management”, und dann, nachdem auf dem Flug nach Frankfurt eine Passagierin verstorben ist und die Maschine deshalb bevorzugt zur Landung geleitet wird, nur den Kommentar “endlich mal kein Kreisen über Frankfurt” abgibt.

Willemsen spricht von dieser Sorte Mensch ganz richtig als “Hochleistungsmaschinen”, die ihre Arbeitgeber (wenn sie’s nicht selbst sind) “nicht mit seelischer Unzuverlässigkeit, Heimweh, Klaustrophobie, Vitalverstimmung oder Privatleben” behelligen und die “der Welt nichts zu geben [haben], schon gar kein Mitgefühl”. Und er zitiert dazu einen schönen Satz von Friedrich Hebbel: “Es gibt Menschen, die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.” Korrekt beobachtet. Allerdings ist diese Spezies Mensch nicht nur in der Finanz- und Businesswelt verbreitet. Es scheint eine bei sehr vielen Menschen in ganz verschiedenen Karrierewelten hoch im Kurs stehende Tugend zu sein, sich als ganz besonders harter Knochen zu geben, dem Dinge wie Ruhe, Zweifel, Empathie nichts bedeuten, der sich selbst für nichts achtet, es sei denn als nimmermüde Erfolgsproduktionsmaschine, die sich völlig aufarbeitet - und der das nicht nur aus irgendeinem Pflichtgefühl heraus tut, sondern dem das auch noch Spaß und Genuß bereitet, den einzigen, den er sich gönnt. (Das ist ja das Perfideste an unserer heutigen Arbeitswelt: wie vor hundert Jahren wird verlangt, daß man sich und sein ganzes Leben in den Dienst des Jobs stellt - aber man soll es bitteschön auch noch gerne und mit Vergnügen tun.)

Beispiele für diese Attitüde auch außerhalb der Wirtschaft gibt es zuhauf. Den Nachwuchsforscher in der Neurobiologie, der in einer Vorlesung mit besonders dick aufgetragener Kaltschnäuzigkeit berichtete, wie man zur Untersuchung dieses oder jenes Gendefekts Mausembryonen heranzieht, aus dem Mutterleib herausoperiert und die, die man nicht braucht, dann “im Ausguß zermatscht”. Der Chemiestudent, der mit unverhohlenem Stolz von seinen hochexplosiven Experimenten erzählt und mit welcher coolen Selbstverständlichkeit er sie durchführt. Und all die anderen Leute, die sich rastlos kaputtarbeiten, von Tagung zu Tagung reisen, immer zehn Dinge gleichzeitig bearbeiten und nie irgendwo ohne Laptop und Handy sein können. Das Schlimme an ihnen: sie denken, sie seien das Maß aller Dinge in ihrer Selbst- und Weltverachtung, und strahlen damit auf ihre Umgebung aus. Alle, die auch nur einen halben Gang langsamer unterwegs sind und sich vielleicht noch etwas wert sind, werden ent-wertet. Wert ist nur der, der sich aufarbeitet. (Siehe der Mitarbeiter, der den Fehler beging, per Internet einen Golfschläger zu bestellen und den an den Arbeitsplatz geliefert zu bekommen. Das diskreditierte ihn sofort auf der Chefebene: wie man für so ein Hobby, überhaupt irgendein Hobby, noch Zeit haben könne! Daß das Ding als Geschenk für seinen Vater gedacht war, ging unter.)

So machen diese Leute ihre ganze Umgebung unglücklich. In hellen Momenten fällt es ihnen selbst auf, aber sie denken, es könne gar nicht anders sein. Von Chefs sind mir Sätze überliefert wie “ich weiß, daß ihr mich alle für ein Arschloch haltet, aber bei uns geht wenigstens was vorwärts” oder “ich hab’s ja mal mit Nettsein versucht, aber es funktioniert einfach nicht, nur Härte bringt was”. Als sei Produktivität nur um den Preis der Aufgabe von Mitmenschlichkeit zu haben. (Zum Glück gibt es immer noch Gegenbeispiele.)

Meistens sind es Männer, die Arschlöcher. (Sagt auch Lemmy.) Warum auch immer. Die Bereitschaft und der Wille, sich selbst und andere aufzuarbeiten, scheint da einfach noch stärker ausgeprägt. Aber vielleicht gehen die Umstände ja doch allmählich in eine andere Richtung. Roger Willemsen berichtet auch von einem dieser 30jährigen Investmentbanker, den er dieser Tage, die Tasche neben sich im Dreck stehend, bitterlich weinen gesehen hätte, getröstet von seinem Kollegen: “Keine Sorge, das resetted sich.” Hoffentlich nicht. Es wird Zeit, daß wir diese Leute wieder als das sehen, was sie sind. Keine Vorbilder. Keine Herren der Welt. Keine, die die Menschheit, die Wirtschaft oder die Wissenschaft voranbringen. Sondern einfach nur: Arschlöcher.

Manufactum

24. August 2008

Nach so viel Kritik an der Linken wird es nun Zeit, daß das Bürgertum auch mal wieder sein Fett abbekommt. Die Steilvorlage dafür liefern die zusammen mit dem Katalog gelieferten “Hausnachrichten Sommer 2008″ des Versandhauses Manufactum. Manufactum selbst ist ja ein Phänomen für sich. Man führt eine breite Palette von Waren aus allen möglichen Bereichen des täglichen Bedarfs, Haushaltsgegenstände, Werkzeug, Kleidung, Nahrungsmittel, Mobiliar, was auch immer - stets mit dem Anspruch, hochwertig, langlebig und in handwerklicher Tradition gefertigt zu sein. (Es gibt dort wirklich nette und gute Sachen - ich habe auch schon welche bestellt…) Und mit jedem Artikel kriegt man eine Geschichte mitgeliefert, die von gedrechselten Ausdrücken und Formulierungen nur so strotzt und dem geneigten Kunden die Besonderheit und traditionelle Verwurzelung des an sich meist recht profanen Gegenstands nahebringen soll, etwa wie “Wir lassen dieses Damaszener Teppichmesser von einem Schmied im Hochsauerland fertigen, der diese jahrhundertealte Schmiedetradition in Eigenregie hochgehalten hat und für die Herstellung eines Messers etwa ein halbes Jahr benötigt.” (Diese Art von Verkaufslyrik mal genauer zu untersuchen wäre bestimmt eine hübsche Germanistik-Dissertation. Auch in der Hinsicht, was davon wirklich wahr ist…)

Was solche Artikel und die mitverkauften Geschichten mit sich bringen, dürfte vor allem Distinktionsgewinn für die oberen Schichten einer Gesellschaft sein, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht und die um ihr Abrutschen fürchtende Mittelschicht sich vom “Prekariat” abgrenzen muß. Das führt dann zu so lustigen Szenen wie im Münchner Manufactum-Verkaufshaus, standesgemäß im Alten Hof, wo man gutgekleidete junge bürgerliche Paare fasziniert auf häßliche Porzellan-Dreh-Lichtschalter blicken sieht, die eigentlich in den späten fünfziger Jahren ausrangiert wurden, jetzt aber mit dem Argument, daß sie das einzig Wahre seien, wieder zu Ehren kommen.

Aber zurück zu den Hausnachrichten. Dort heißt es empört:

Bestürzung und Enttäuschung sind allenthalben in der Bildungsbürgerlandschaft auszumachen, Spott und Häme an ihren Antipoden. Der Brockhaus stellt sein gedrucktes Erscheinen ein, und das just im Jahr seines zweihundertsten Geburtstags.

Großartig. Woher nimmt der Verfasser nur seine profunde Kenntnis der Stimmung der deutschen Bildungsbürger “allenthalben” (siehe oben unter “gedrechselte Formulierungen”) und ihrer “Antipoden”? Mich beschleicht ein folgenschwerer Verdacht. Zum einen denke ich mir, daß den sogenannten “Antipoden” der Bildung in den prekären Unterschichten das Einstellen des gedruckten Brockhaus recht herzlich egal sein dürfte. (Abgesehen davon, daß diese Textstelle über die hämischen Ungebildeten unglaublich diskriminierend ist.) Wie wahrscheinlich auch dem größten Teil des “Bildungsbürgertums”, das von dieser Nachricht vermutlich sowieso erst durch die Manufactum-Hausnachrichten Notiz genommen hat: schließlich sind wir ja alle hauptsächlich mit unserer Arbeit beschäftigt und damit, selbige nicht zu verlieren. Mit dem Unterschied, daß das Bildungsbürgertum oder das, was sich dafür hält, beim Lesen dieser Nachricht wohl tatsächlich in “Bestürzung und Enttäuschung” verfallen ist: nicht so sehr aus echtem Gefühl, sondern weil der Manufactum-Text so schön suggeriert, daß man als echter Bildungsbürger gefälligst so zu reagieren hat. Um sich damit vom imaginierten hämischen Prekariat abzugrenzen. Sehr nett, wie das so funktioniert.

Ausgehen in Göttingen

24. August 2008

Ich will ja nicht verallgemeinern. Aber bei so manchen Veranstaltungen in dieser kleinen hochpolitischen Unistadt kann ich mich bei aller politischen Korrektheit und Sympathie für das engagierte politisch linke Spektrum und trotz all meines Gender-Equality-Bewußtseins starker Würgegefühle nicht erwehren. So fand hier im Juni unter dem Titel “Antifee” ein kleines Open Air mit assoziierten Veranstaltungen auf dem Unicampus statt. Wollte man sich auf der tendenziell politisch passend orientierten Veranstaltungsseite goest.de einfach nur darüber informieren, was für Bands da eigentlich spielen, mußte man sich erst einmal durch sechs Absätze Textgeschwurbel aus Hintergrund- und Überbauinformationen, von Randbemerkungen, Nachträgen und Metaebenenverstiegenheiten durchsetzt, kämpfen. Der Höhepunkt war dann allerdings ein Auszug aus einem Text der VeranstalterInnen (klar!) selbst:

“Außerdem sollen Frauen auf dem Gelände geschützt sein vor jeglichem dominanten männlichen Verhalten, Übergriffen und Rumprollerei. Generell gilt auf dem gesamten Festivalgelände Definitionsmacht: Menschen, von denen sich andere belästigt fühlen, gehen nach Hause! Wer Täter in Schutz nimmt, ebenfalls. Für die Durchsetzung dieses Freiraumes gibt es eine antisexistische Ansprechgruppe, bei der Betroffene sich melden, Hilfe erhalten, von dem Erlebten berichten und sich zurückziehen können. Weitere Details dieser von uns bedingungslos umgesetzten Praxis sind unserer Readerin oder Flyern vor Ort zu entnehmen.” Diese Details enthalten dann übrigens auch das Verbot von Palästinensertüchern unter der Überschrift “Palituch? - No Way!”

(Readerin. Warum nicht eigentlich auch Flyerinnen?) Solche Absätze verursachen bei mir mittlerweile physische Schmerzen. Daß diese Leute nicht mal merken, was für diktatorische Rechthabernazis und wie sexistisch sie in ihrem ach so politisch korrekten Streben nach Antisexismus selber geworden sind. Was bitte ist eigentlich “dominantes männliches Verhalten”? Naja, ist ja auch nicht so wichtig, schließlich hat man sich ja die alleinige “Definitionsmacht” zugesprochen, nicht unähnlich einem päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma in Einheit mit Alleinvertretungsanspruch, und kann das dann jeweils von Fall zu Fall nach Gusto bestimmen. “Menschen, von denen sich andere belästigt fühlen, gehen nach Hause!” Wundervoll. Ich stelle mir auf Basis dieses Grundsatzes vor, daß sich nach ein, zwei Stunden wahrscheinlich das gesamte Festivalpublikum kollektiv nach Hause hätte schicken können. Aber alldas, ebenso wie die “antisexistische Ansprechgruppe”, ist in der Göttinger Szene beileibe kein Einzelfall, nur vielleicht etwas auf die Spitze getrieben. Auf einer (musikalisch und auch sonst) an sich sehr feinen Party im linken Göttinger Jugendzentrum Juzi vor einigen Wochen hingen alle halbe Meter an allen Wänden Zettel folgenden Inhalts:

Wir haben keinen Bock darauf, daß auf Parties sexistische oder auch “bloß” unangenehme Anmachen laufen und Leute sich deswegen unwohl fühlen. Deswegen an alle: Achtet aufeinander und zögert nicht, andere Leute anzusprechen, wenn euch selbst eine Situation unangenehm ist. Wenn ihr sexistische Anmachen und Vorfälle mitbekommt, meldet euch beim Einlass oder an der Theke, wo die Leute euch helfen werden, und/oder werdet selbst aktiv! Wir verzichten gerne auf Idioten, die mit ihrem Verhalten andere Menschen verdrängen!

Jaja, ist ja an sich ein ehrenwertes Vorhaben. Bloß frage ich mich, ob auf solchen Parties überhaupt noch Leute aufkreuzen, die potentiell “sexistische Anmachen” fahren würden. Und außerdem kotzt mich dieser permanente Generalverdacht an. Als hätte man nicht eh schon genug Skrupel, überhaupt eine Frau anzusprechen - da kommt sowas dann gerade richtig. Der Mann an sich als permanentes Sexismusrisiko, schon beim Betreten der Veranstaltung mißtrauisch beäugt und jederzeit in Gefahr, sofort rausgeschmissen zu werden, sollte er eine Frau zu lange ansehen oder gar das Wort an sie richten. (Wäre es nicht an der Zeit, dafür auch eine Gedankenpolizei einzuführen? “Achtet aufeinander und zögert nicht, andere am Einlaß anzuzeigen, wenn Ihr mitbekommt, daß sie sexistische Gedanken hegen oder vorhaben, eine Frau zum Zwecke des Abschleppens anzusprechen.”)

Aber letztlich führt sich das Ganze selbst ad absurdum, nicht zuletzt durch das Verhalten der ach so schutzbedürftigen Frauen selbst. Auf der eben erwähnten Feier wurde ein Bekannter von mir durch einen anderen Bekannten ein paar Frauen, die letzteren fragten, wer ersterer denn so sei, in einer Bierlaune mit den Worten “der hat einen Riesenpenis” vorgestellt. Worauf ersterer von besagten Mädels den Rest des Abends über nur noch als “der mit dem Riesenpenis” angesprochen wurde. Ich hätte ja gerne gesehen, was eine Frau davon gehalten hätte, von einer Gruppe Männer als “die mit den Riesentitten” tituliert zu werden. Beziehungsweise hätte ich gerne gewußt, wie man/frau an der Theke und am Einlaß reagiert hätte, wenn sich besagter junger Mann über solcherart sexistisches Verhalten beschwert und um Rauswurf betreffender Damen nachgesucht hätte: er wäre mit ziemlicher Sicherheit ausgelacht worden. Es lebe die Gleichstellung.

Achja, und von dem eingangs geschilderten “Antifee”-Festival, das ich dann aus Prinzip boykottiert habe, hörte man dann auch noch lustige Geschichten. Ein eigentlich auch in der linken Szene aktiver und respektierter Livemusikclub, so hieß es, sei von den Veranstaltern offenbar mit einem Argument wie “ihr steht dann da immer so dominant herum” als zu sexistisch ausgeladen worden. Die Macher dieses Clubs hätten sich kaputtgelacht und ihren Freunden und Kollegen einer assoziierten Kneipe von dieser Ausladung berichtet, worauf die sich ebenfalls kaputtgelacht und den Antifee-Veranstaltern mitgeteilt hätten, daß sie sich unter diesen Umständen auch nicht am Festival beteiligen würden. Nun hätten die Veranstalter freilich ein Problem gehabt und nach weiteren MithelferInnen gesucht. Dazu schrieben sie wohl unter anderem eine Göttinger Antideutschen-Gruppierung an, die daraufhin geantwortet haben soll: natürlich könne man mitmachen, man gebe nur zu bedenken, daß man die verhaßteste Göttinger Antideutschengruppierung sei - und daß man schon mal von einer ähnlichen Veranstaltung ausgeladen worden sei. Wegen Sexismus.

(Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit.)

Es wurde auch von Protestaktionen berichtet, wo Männer und Frauen (!) mit dem expliziten Vorsatz, “Kampfangraben” zu betreiben, auf das Antifee-Festival gegangen seien. Ein männlicher Undercover-Demonstrant soll es dabei geschafft haben, im Lauf des Abends vier Frauen soweit zu bekommen, daß sie mit ihm nach Hause gegangen wären. Ein Hoch auf den weiblichen Antisexismus.

Verspielt

24. August 2008

Wieder mal ein Fundstück zum ewigen Mann-Frau-Thema. Schon etwas älter - aus der Zeit vom 20.4.2006, in einem Artikel zum wie üblich provokanten Thema “Haben wir die Emanzipation verspielt?” von einer Autorin namens Heike Faller.

Manchmal frage ich mich, ob wir den Feminismus verschenkt haben. Besonders kämpferisch war meine Generation nun wirklich nicht. Im Gegenteil. Wir haben damit kokettiert, es nicht zu sein. Wenn uns einer die Tür aufhielt, nach dem Essen die Rechnung übernahm, nach drei Gläsern Wein sagte, daß wir schön seien, dann waren wir sogar noch irgendwie stolz darauf, dass wir nicht sofort schlechte Laune kriegten, wie unsere Vorgängergeneration das vermutlich getan hätte, die sich, Moment, wie nannten sie das noch mal, auf ihren Körper reduziert gefühlt hätte. Wir sind mit unseren Push-up-Bras einfach sitzen geblieben. Lächelnd.

Ist natürlich auch eine absolut chauvinistische Unverschämtheit von einem Mann, eine Frau bei einem Date als schön zu bezeichnen. Die einzig angemessene Reaktion wäre wirklich gewesen, ihm das vierte Glas Wein ins Gesicht zu schütten, die Rechnung zu bezahlen und schnaubend das Lokal zu verlassen. Umgekehrt weiß der Mann von heute damit: sollte er einer Frau ein Kompliment machen und sie nicht so reagieren, hat er es mit einem unemanzipierten Dummchen zu tun, von der er besser die Finger lassen sollte, wenn er sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, nur hilflose Weibchen an seiner Seite zu akzeptieren, die zu ihm aufschauen, anstelle einer Partnerin auf Augenhöhe (ein sehr beliebter Standardvorwurf übrigens).

Seltsam nur, daß dieselbe Autorin in demselben Artikel sich böse darüber beschwert, daß Karriere und Familie für Frauen offenbar immer noch als praktisch unvereinbar gelten. Während sie im oben zitierten Absatz suggeriert, daß Gleichberechtigung und Emanzipation einerseits und Attraktivität und Auch-nur-irgendwas-mit-Männern-Haben andererseits sich gegenseitig ausschließen. Wie mag das zusammenpassen? Ach, egal.

Linkfarm

3. April 2008

Unter dem comment spam, der auf meinem Blog so in der Warteschleife landet, finden sich manchmal doch ganz amüsante Sachen. Zum Beispiel offensichtliche Sammlungen von Suchmaschineneingaben (inklusive aller Rechtschreibfehler), die wohl gerade aktuell und/oder häufig sind und auf irgendwelche Seiten verweisen, die unser Gott Google PageRank doch bitte nach oben aufrücken lassen möge. Was Leute offensichtlich so im Internet suchen und womit andere Leute hoffen, Besucher auf ihre Seite zu ziehen, möge der geneigte Leser im folgenden bestaunen. Vielleicht krieg ich ja damit auf einmal einen unglaublichen Besucherstrom auf meine Seite.

“how to assist pastor in leadership training classblogmeister pjbutta sample sex videos cytheria pornstar pictures of black sexy men sexy desktop vanessa minnillo pinstripping tape is the movie monsoon wedding a good metaphor for cultural hybridity restraunts millis massachusetts bride sucking cock vintage golden books value nude celbertys ghostrip lighting fixtures in pond road shopping center route 9 in manalapan nj georgia dental association how to mow a stripe pattern on the lawn worms armageddon videos rockford michigan movie theater male sex radio shac cell phone assessories sawgrass golf course in texas hotels in mansfield massachusetts paris hilton free pics eroticstories national park gold pass heating assistance pornstartrinity chriopher meloni naked pics fat granny galleries free”

Wundervoll. Meine Favoriten sind auf alle Fälle das Führungstraining für Pastoren, die Wurm-Weltuntergangsvideos und die Frage, wie man Streifen in seinen Rasen mäht. Wenn man das geklärt hat, ist glaube ich das Wichtigste im Leben erledigt. (Ebenso wie ich auf die Frage nach sowas wie einem Lebensmotto oder dem Sinn des Lebens eigentlich nur noch Antworten geben möchte wie “Draußen gibts nur Kännchen.”)

Rückkehr

3. April 2008

Zurück aus den Staaten und gleich wieder voll rein in Arbeit und Schlafmangel. Irgendwie habe ich ein Talent dafür, mich totzuwerkeln und hinterher nicht recht zu wissen, was eigentlich dabei rausgekommen ist und womit ich die ganze so schnell verstrichene Zeit eigentlich so verbracht habe. Na gut, zum Beispiel ist ein Paper, an dem wir lange gearbeitet haben, jetzt abgesehen von Formatsachen angenommen worden, was natürlich sehr fein ist. Daran habe ich aber auch noch letzten Donnerstag nach einer schlaflosen Nacht im Flugzeug über dem Atlantik (aber immerhin eine 747!) bis neun Uhr abends gearbeitet… und so gings seither irgendwie weiter. Heute mal um neun nach Hause, das ist schon ein Fortschritt.

Schon mal gehabt?: jemanden anrufen und während das Telefon klingelt sich dabei ertappen wie man denkt: hoffentlich ist er/sie nicht da: denn eigentlich will ich nur meine Ruhe und mit niemandem reden. Bedenklich, eigentlich. Zeit für mehr work-life balance. Was am Anfang der Zielgeraden zur Promotion mit einem Berg Projekte abschließen, Lernen, Schreiben wahrscheinlich nicht so leicht umzusetzen ist.

Auf meiner letzten Station in Boston eine Freundin aus meiner Zeit dort besucht. Sie ist inzwischen assistant professor in Harvard, ihr eigener Chef, glücklich verheiratet, wohnt in einer schicken kleinen Stadtwohnung mit Parkett, Dachterrasse und Blick auf die Hochhäuser von Downtown Boston, alles ziemlich perfekt. Und bevor jemand fragt: nein, sie hat nicht aufs Leben verzichtet dafür (Stichwort: Partycrasher 2001/2002). Dennoch, so zufrieden sie jetzt ist: für den Rest des Lebens schweben ihr andere Dinge vor. Vielleicht ein netter fester Job mit viel teaching und Freizeit an einer nicht unbedingt besonders renommierten Uni an einem schönen Ort dieser Welt (Hawaii zum Beispiel). Klingt jetzt auch nicht unbedingt wie ein Job, den man so ohne weiteres kriegt. Was aber auffällt, und nicht nur bei ihr: Wirklich gute, fitte Leute, auch die, die schon ziemlich viel erreicht haben, denken daran, das Rennen um Erfolg und nach so weit oben wie möglich höchstens soweit mitzumachen, bis sie sich und der Welt bewiesen haben, daß sie’s können, wenn sie wollen. Aber eigentlich wollen sie gar nicht. Das erinnert an die mehr und mehr berichteten Geschichten von Topmanagern, die irgendwann ihren höchstbezahlten 100-Wochenstunden-Job an den Nagel hängen, sei’s nach einer wichtigen Begegnung, einem Unfall oder einfach so, und sich fortan zum Beispiel für einen wohltätigen Zweck einsetzen. Ziemlich weise und ziemlich eindrucksvoll. Könnte es sein, daß die meisten von uns auf das ganze Rattenrennen um Erfolg, Streß, Konkurrenz, An-der-Spitze-Sein, Macht, Geld gar keinen Bock haben? Warum laufen wir dann alle anscheinend der Ideologie hinterher, die uns besagten Topmanager als das einzig verbliebene Ideal und Rollenmodell unserer Zeit verkaufen will? Müssen wir uns und der Welt wirklich beweisen, daß wir massivem Druck und dem Kampf um Erfolg nicht nur standhalten können, sondern ihn auch noch genießen?

Naja. Entschuldigung. Der schwermütige Physiker ist wieder mit mir durchgegangen.

Aber no is ned soweit
Noch was zu tun befiehlt die Eitelkeit
Doch bevor der Herzinfarkt
Mi mit 40 in die Windeln prackt
Lieg i scho irgendwo am Strand
A Bottle Rotwein in der Hand
Und streck die Fiaß in’ weißn Sand.

(Wer diesen Text noch kennt, melde sich!)

San Diego Stopover

24. März 2008

San Diego Airport, Blick durch Panoramascheiben auf einen strahlenden Tag und die Startbahn mit Internetzugang inklusive. Es lebe Free WiFi! Ich hab’s inzwischen tatsächlich geschafft, in sowas wie Urlaubsmodus zu kommen, obwohl dafür ein paar Tage sonst meistens nicht ausreichen. Kalifornien scheint in der Hinsicht doch ganz gut zu tun. Konferenz gut überstanden, viele interessante Vorträge und Poster und umgekehrt auch reges Interesse an meinem Poster, gutes Gefühl das. Die Unterbringung in Strandbungalows und die sehr um ihr Klientel bemühten Firmen, die allabendlich ihre “vendor suites” mit Essen und Trinken und teilweise gar Livemusik umsonst feilboten, waren auch alles andere als unangenehm. Man könnte sich glatt wichtig vorkommen, würde man sich das nicht selbst untersagen.

Der Streß von zuvor schlug dann allerdings doch zurück und mich mit einer Erkältung nieder, die die zwei Tage nach Ende der Konferenz etwas mühsam machte. Zum whale watching (ein Dutzend Grauwale und ein kurzer Blick auf einen Buckelwal!) vor Monterey und einem Autoausflug zum Big Sur hab ich mich dennoch mitgeschleppt, bevor ich in Berkeley von meinem alten Freund Oli und seiner Frau Breeze mit warmer Atmosphäre und heißen selbstgemixten organic herbal teas wieder aufgepäppelt wurde. Die eine Woche, die ich dann in der Bay Area verbracht habe, entschädigte dann auch für einiges. Traumwetter, Frühlingsausbruch, unglaubliche Landschaft, Wandern an der Küste in Marin County (Point Reyes Beach) und im Yosemite National Park (Dewey Point, mit Blick auf El Capitan, und Yosemite Falls, mit Blick auf den Half Dome), einen Tag durch San Francisco laufen, gut und gesund essen (die links-alternativ-ökologische Szene erschlägt einen fast in Berkeley, entsprechend hoch ist die Anzahl von organic-vegetarian-vegan-you-name-it-Restaurants)…

San Diego war demgegenüber etwas Kontrastprogramm. Das war schon klar, als mich mein werter Freund und Göttinger Ex-Kollege Peter hier in seinem feschen silbergrauen 1985er 380 SL Cabrio vom Flughafen abholte und wir im dicken Freeway-Verkehr wenige Meter unter den Jets im letzten Teil des Landeanflugs durchs nächtliche Lichtermeer von San Diego kurvten. Der lifestyle scheint hier doch recht unterschiedlich… von “links-alternativ” ist hier recht wenig zu spüren, wenn man mal die Surfer ausnimmt, die ja eh eine Welt für sich sind. Und während einem in San Francisco und Berkeley, wo die Villenviertel auf den Hügeln von allem anderen als Mangel an Geld und Luxus künden, dennoch Armut und Obdachlosigkeit auf Schritt und Tritt begegnen, war das, was ich von San Diego und La Jolla (wo ich meine knappe Zeit zumeist verbracht habe) gesehen habe, schon sehr von fleißigen, jungen, sehr gut situierten Menschen geprägt, die dann aber auch entsprechend feiern und es sich gut gehen lassen. Wofür das hier definitiv ein guter Platz ist. Und wozu ich dann immer erstmal ein etwas gespaltenes Verhältnis habe (vorallem wenn einem andauernd unrealistisch hübsche Frauen in unrealistisch aufgebrezelter Kleidung, teils auch noch mit unrealistischen Autos - ein BMW Z4 mit Anfang 20, das hat schon was - und unrealistischer Oberweite - fake boobs sind hier in der Tat recht verbreitet - begegnen). Aber immerhin bin ich im Urlaub. Und schon den zweiten Tag mit Rumhängen am Strand, Biertrinken ab zwei Uhr nachmittags, Beachvolleyball und Surfen konnte ich bedeutend besser genießen als den ersten. (In der Tat hab ich mich zum ersten Mal am Wellenreiten versucht. Was definitiv was ganz anderes ist als Windsurfen. War mir natürlich klar. Aber daß es trotzdem nicht zu mehr reichte in der halben Stunde, die ich auf dem Wasser war und die reichte, um mich rechtschaffen fertig zu machen, als dazu, zweimal im Liegen das Weißwasser von bereits gebrochenen Miniwellen herunterzurutschen und davon schon einen Heidenrespekt zu bekommen, hat mich doch etwas enttäuscht. Naja, immerhin hab ich das Board nicht an den Schädel oder auf die Nase bekommen und auch niemanden damit niedergebügelt. Die Lernkurve ist halt etwas flach und der Respekt vor solchen Dingen in meinem fortgeschrittenen Alter schon ungünstig hoch.)

Ich finde, für einen “schwermütigen Physiker” schlage ich mich recht wacker im Golden State…

San Francisco Bay Blues

9. März 2008

Nach dem üblichen Was-nicht-alles-vor-Abreise-noch-fertig-werden-muß-Streß, einer Nacht mit vier, einer mit zwei Stunden Schlaf und einer Reise von 24 Stunden Dauer bin ich dann gestern abend Ortszeit doch ganz gut im Westen angekommen. San Francisco, genauer gesagt. Konferenz in Monterey nächste Woche, danach noch eineinhalb Wochen Urlaub, die mir gerade ziemlich recht und nötig sind, mit Station in Berkeley, San Diego und Boston. Mal sehen, wie’s da so sechs Jahre nach mir inzwischen aussieht…

Trotz Schlafmangel wirkte der Jetlag dann doch noch genug, um mich um 7.30 zum Aufstehen zu bringen, wofür ich mit einem strahlenden Sonnenaufgang über der San Francisco Bay vor dem Hotelfenster belohnt wurde. Kein schlechter Auftakt. Und die vielen “bells”, die es “ringt”, wieder in den Staaten zu sein, ausgelöst von lauter Kleinigkeiten, die man von früher kennt und mit der Zeit vergessen hat: die Riesenportionen Essen, die man serviert bekommt. Die Gehsteige aus großen Betonplatten. Die gelbliche Straßenbeleuchtung. Gerüche vor allem: der Duft von Meer, der durch die Straßen zieht, und, etwas profaner, aber doch eindeutig erinnerbar, der Dieselgeruch der Trucks, der hier irgendwie etwas verbrannter daherkommt als bei uns.

Jetzt dann erstmal Mietautos holen und an der Küste entlang nach Süden gondeln. Dann sehn wir weiter.

Totgesagte leben länger

14. Februar 2008

Noch jemand da draußen? Naja, schon klar… mit mal einem kurzen Eintrag alle paar Wochen oder mittlerweile eher Monate werd ich aus dieser Seite sicher nicht die “Privatcommunity” machen können, an die ich mal gedacht habe… zumal wir ja mittlerweile alles andere als Mangel an Webcommunities leiden. Zur Zeit frag ich mich eh, wie ich das hier weiterführen soll. Für große Artikel zu den großen Fragen der Welt oder wahrhaft künstlerische Hervorbringungen auf den Fotoseiten fehlen mir halt doch auch Zeit, Können und Ahnung - und inzwischen bin ich auch sehr viel skeptischer geworden, was Preisgeben von Dingen des Lebens im Web betrifft. Es ist schon wahr, was schon so einige in den Zeitungen geschrieben haben: während man früher noch für die Wahrung seiner Privatsphäre kämpfte, stellt man sie heute gleich der ganzen Welt zum Lesen ins Netz. Etwas verkürzt gesagt, versteht sich. Und beim Ausgehen kann man sich auch nicht mehr sicher sein, sich nicht plötzlich am nächsten Tag mit entgleisten Gesichtszügen und Bier in der Hand auf irgendeiner Website wiederzufinden. Sonst bin ich ja zur Zeit auch eher zurückgezogen… also was bleibt zu sagen?

Erstmal werd ich meine Postings und Fotos nach Sachen durchforsten, die ich inzwischen vielleicht doch lieber nicht mehr hier stehen hätte. (Das wurde auch duch den rechten Schock motiviert, den ich bekam, als ich erfuhr, daß diese Seite auf der ersten Seite der Google-Resultate erschien, als jemand mal meinen Namen googelte. Konnte ich tatsächlich reproduzieren, und ich weiß nicht recht, wie es dazu kam - nachdem ich hier ja garantiert nicht groß verlinkt bin und viel Aktivität nicht zu verzeichnen sein dürfte. Und ich dachte immer, ich bin hier sicher mit meinem Allerweltsnamen und den einigermaßen sorgfältig entfernten Hinweisen auf wo genau ich was genau arbeite und dergleichen. Aber an einer Stelle stand in der Tat noch mein ganzer Name… könnte ein Faktor gewesen sein. Inzwischen hat sich die Sache offenbar auch wieder erledigt.) Und sonst? Ein bißchen mehr Schweigen ist auch nicht so schlecht - und, gleich wieder ins Allgemeine gewendet, bräuchten wir abgesehen von einem Ende der Datensammelwut die allgemeine Erkenntnis, daß Menschen Fehler machen können und man ihnen das bitte auch dann nachsehen möge, wenn man peinliche Beweise für selbige Fehler noch bis über das Ableben ihrer Verursacher hinaus im Internet finden sollte…

Grüße aus dem Studierkämmerchen erstmal. Wer es wissen muß, weiß ja, wo er oder sie mich findet.